Rund 20.000 Beschäftigte haben am Freitag im Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen die Arbeit niedergelegt und gegen den verschärften Sparkurs des Konzerns protestiert. Der Konzern selbst spricht von rund 10.000 Teilnehmern. Weitere Kundgebungen fanden nach Angaben der IG Metall in Untertürkheim, Rastatt, Kuppenheim, Bremen, Berlin, Hamburg und Germersheim statt, in Bremen legten laut Gewerkschaft rund 4.000 Beschäftigte die Arbeit nieder. IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner sprach in Düsseldorf. Anlass ist eine Entscheidung des Vorstands, den tariflichen Transformationsbaustein von 18,4 Prozent des Monatsentgelts für rund 90.000 der 108.000 deutschen Beschäftigten nicht wie geplant im Juli, sondern erst im kommenden Jahr auszuzahlen.

Der Vorstand beruft sich auf eine Tarifklausel, die Verschiebungen in wirtschaftlichen Krisenlagen erlaubt, und traf die Entscheidung ohne Einbindung der Arbeitnehmerseite. Aus Stuttgart heißt es, man müsse „weiterhin mit Hochdruck die Kosten senken, um bei Preisen wettbewerbsfähig zu bleiben“; die Lage in Deutschland sei „dramatisch“. Der Gesamtbetriebsrat sieht das anders.

Die Zukunft von Mercedes-Benz entscheidet sich nicht über längere Arbeitszeiten. Einfallslos und ein falsches Signal.
- Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender Sindelfingen, Stuttgarter Zeitung

Betriebsrat: Beschäftigte sollen die Zeche zahlen

Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender in Sindelfingen und Gesamtbetriebsratschef, nannte den Kurs des Vorstands gegenüber der Stuttgarter Zeitung „einfallslos“ und ein „falsches Signal“. Sein Untertürkheimer Kollege Michael Häberle wies gegenüber demselben Blatt darauf hin, dass die Belegschaft verzichten solle, während strategische Fehlentscheidungen an anderer Stelle getroffen worden seien. Barbara Resch, IG-Metall-Bezirksleiterin Baden-Württemberg, formulierte den Vorwurf gegenüber Autohaus deutlicher: „Die Beschäftigten haben Mercedes erfolgreich gemacht - und jetzt sollen sie die Rechnung für die Fehler des Managements zahlen.“ Liane Papaioannou, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart, warnte in der Stuttgarter Zeitung: „Wer jetzt Sozialstandards, Arbeitszeit und Entgelt angreift, riskiert den Betriebsfrieden.“

Die Debatte reicht über die einmalige Sonderzahlung hinaus. Nach übereinstimmenden Berichten prüft der Vorstand längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich - ein Angriff auf die 35-Stunden-Woche, die die IG Metall in der Metall- und Elektroindustrie 1995 durchgesetzt hatte. Die Gewerkschaft verweist zugleich auf rund 50.000 Jobs, die 2025 in der deutschen Autobranche abgebaut wurden, und kündigt weitere Aktionen an. „Die IG Metall und die Beschäftigten werden dem Unternehmenslenker einen heißen Sommer und Herbst bescheren, solange auf Arbeitsplatzabbau gesetzt wird, statt echte Problemlösungen zu suchen“, teilte die Gewerkschaft mit.

Sparprogramm trifft profitables Bremer Werk

Symbolträchtig sind die Bremer Bilder: Laut Radio Bremen (Buten un Binnen) demonstrierten rund 4.000 Beschäftigte vor dem Werk Sebaldsbrück, der Standort stellte den Betrieb während der Kundgebung ein. Der Betriebsratsvorsitzende Michael Peters erklärte in Bremen: „Wir wollen ein klares Signal an den Vorstand des Konzerns senden.“ Die Bremer Belegschaft fragt, warum ein Werk, das ausgelastet ist und schwarze Zahlen schreibt, Verzicht üben müsse. Die IG Metall macht klar, dass die Aktionen am Freitag erst der Auftakt seien; angesichts der Vorstandspläne rechnet die Gewerkschaft mit weiteren Warnstreiks über den Sommer hinweg.