In den frühen Morgenstunden des Donnerstag ist ein mutmaßlich russischer Marschflugkörper in Polen eingeschlagen. Das Objekt trat gegen 03:29 Uhr Ortszeit über der Woiwodschaft Lublin in den polnischen Luftraum ein, rund hundert Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, und detonierte bei Tarnawa-Kolonia auf einem Feld. Zurück blieb ein zehn Meter breiter Krater - keine zwei Kilometer von Wohngebäuden entfernt. Verletzt wurde nach Angaben der polnischen Behörden niemand.

Regierungschef Donald Tusk identifizierte den Flugkörper als Kh-101, eine russische Waffe mit einer Reichweite von bis zu 4.000 Kilometern. „Alles deutet darauf hin, dass es sich um eine russische ballistische Kh-101-Rakete handelte“, schrieb Tusk auf X, wie der Tagesspiegel berichtet. Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz beschrieb die Nacht als „extrem harte Nacht für unsere Luftverteidigung, Beobachtungs- und Erkennungssysteme“.

Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte am Nachmittag mit einer scharfen Verurteilung. Auf X schrieb er, der Einschlag in Polen zeuge „auch von russischer Rücksichtslosigkeit und Eskalationsbereitschaft“; Deutschland stehe „unverbrüchlich an der Seite unserer Partner“.

Der Einschlag in Polen zeugt auch von russischer Rücksichtslosigkeit und Eskalationsbereitschaft. Wir stehen unverbrüchlich an der Seite unserer Partner.
- Friedrich Merz, Bundeskanzler, auf X

Rekordangriff auf die Ukraine

Der Einschlag in Polen war Teil eines der größten russischen Luftangriffe des Krieges auf ukrainische Städte. Russland setzte nach ukrainischen Angaben in der Nacht 284 Drohnen und 70 Raketen ein, darunter neun ballistische Flugkörper. Die Luftabwehr fing 265 Drohnen und 55 Raketen ab; Ziele waren Kiew, Lwiw, Sumy, Charkiw und Krywyj Rih. Mindestens acht Menschen kamen ums Leben. In Krywyj Rih starben zwei Kinder im Alter von fünf und zwölf Jahren. Über 50.000 Menschen suchten in der Kiewer Metro Schutz - eine Rekordzahl seit Kriegsbeginn.

Präsident Wolodymyr Selenskyj machte in einer Videoansprache verzögerte Luftabwehrlieferungen der Partner für die Toten mitverantwortlich. „In einer Situation, in der uns Raketen für die Luftverteidigung von unseren Partnern kritisch fehlen, leisten unsere Soldaten scheinbar Unmögliches“, sagte er. EU-Ratspräsident António Costa sprach von einem „großen kombinierten Angriff“, der Polens Luftraum verletzt habe und einmal mehr belege, dass Russlands Aggression eine Bedrohung für die Sicherheit ganz Europas darstelle.

Schwerste NATO-Luftraumverletzung seit 2022

Der Zwischenfall gilt als schwerste Verletzung des NATO-Luftraums seit November 2022, als eine ukrainische Abwehrrakete das ostpolnische Przewodow traf und zwei Menschen tötete. Nach Angaben des NATO-Sprechers Col. Martine O'Donnell aktivierte die Allianz umgehend Luft- und Bodenverteidigung. Zwei polnische F-16, ein NATO-Tankflugzeug vom Typ Airbus A330 sowie ein polnischer Aufklärungs-Saab-340 und ein Mi-24-Hubschrauber stiegen auf. Der Marschflugkörper verschwand um 03:46 Uhr vom Radar - gut sechs Minuten nach dem Grenzübertritt. NATO-Oberbefehlshaber General Alexus Grynkewich stellte klar, das Bündnis werde „alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um NATO-Territorium zu verteidigen“.

Für Berlin fällt der Vorfall in eine ohnehin angespannte Phase. Merz hatte auf dem NATO-Gipfel in Ankara Anfang Juli den deutschen Beitrag zu Verteidigung und Ostflanke bekräftigt; ein russischer Marschflugkörper auf polnischem Boden setzt diese Zusagen unmittelbar unter Druck. Wie Berlin konkret nachschärft - über Luftverteidigungslieferungen an die Ukraine, über die eigene Ostflankenpräsenz -, dürfte in den kommenden Tagen im Kabinett und Bundestag diskutiert werden.