Zwei Tage nach dem verheerenden russischen Kombiangriff auf Kiew hat Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag telefonisch bei Bundeskanzler Friedrich Merz um weitere Munition für die ukrainische Flugabwehr geworben. Selenskyj bestätigte das Gespräch am Abend in den sozialen Medien und beschrieb den Bedarf mit deutlichen Worten. „Oberste Priorität haben derzeit Raketen für die Patriot-Systeme“, schrieb der Präsident. Wie der Tagesspiegel berichtet, ging es in dem Telefonat vor allem darum, wie zusätzliche Abfangraketen für die von Deutschland gelieferten Patriot-Einheiten beschafft werden können.
Der Anlass für das Gespräch war der russische Angriff in der Nacht zum Donnerstag, bei dem nach ukrainischen Angaben knapp 500 Drohnen und 74 Raketen eingesetzt wurden und mindestens 30 Menschen starben. Rund 130 Gebäude in der Hauptstadt wurden beschädigt. Selenskyj warnte gegenüber Merz, Moskau setze mit den Serienangriffen ein letztes Mittel ein. „Russland spielt mit den Raketenangriffen auf die Ukraine seine letzte Karte aus“, sagte der Präsident laut Rhein-Zeitung. Zugleich wies er Behauptungen Wladimir Putins zurück, wonach die russische Armee die ostukrainische Stadt Kostjantyniwka eingenommen habe.
Berlin bekräftigt Unterstützung, ohne neue Zusagen
Merz sicherte in dem Gespräch die Fortsetzung der deutschen Hilfe zu. Ein Regierungssprecher bekräftigte laut t-online, „dass die Ukraine sich auf die Unterstützung Deutschlands verlassen könne“. Konkrete neue Lieferzusagen für Patriot-Raketen nannte Berlin nach dem Telefonat nicht. Deutschland hatte in den vergangenen Monaten mehrere komplette Patriot-Systeme aus Bundeswehrbeständen an die Ukraine abgegeben und beteiligt sich an der gemeinsamen Munitionsbeschaffung mit weiteren europäischen Partnern.
Russland spielt mit den Raketenangriffen auf die Ukraine seine letzte Karte aus.
Ballistische Raketen bleiben Schwachstelle
Die ukrainische Luftabwehr fängt einen Großteil russischer Drohnen und Marschflugkörper ab. Gegen ballistische Raketen wie die Iskander oder die Hyperschallwaffe Kinschal ist sie ohne Patriot-Einheiten weitgehend machtlos, wie t-online zusammenfasst. Der Bedarf trifft die Ukraine in einem Moment, in dem die weltweite Verfügbarkeit von Patriot-Abfangraketen ohnehin knapp ist: Auch die USA hätten Bestände zuletzt anderweitig eingeplant, berichtet der Tagesspiegel unter Verweis auf die amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten.
Das Telefonat war das dritte direkte Gespräch zwischen Merz und Selenskyj innerhalb eines Monats. Anfang Juni hatten sich beide beim Ukraine-Gipfel in London getroffen, Mitte Juni am Rande des G7-Treffens in Évian. Ein persönliches Treffen in Berlin oder Kiew ist bislang nicht angesetzt. In Regierungskreisen hieß es, die Frage der Patriot-Munition werde die kommenden Wochen bestimmen, sobald die Bundeswehr eigene Bestände neu kalibriert habe.