Wenn Lionel Messi am Sonntag um 21 Uhr MESZ im MetLife Stadium in East Rutherford die Kabine verlässt, betritt er eine sehr kleine Bühne: Bei einer Weltmeisterschaft zum dritten Mal im Endspiel zu stehen, ist bislang nur fünf anderen Spielern gelungen. Pelé (1958, 1962, 1970), der Brasilianer Cafú (1994, 1998, 2002), sein Landsmann Ronaldo (1994, 1998, 2002) sowie die beiden Deutschen Lothar Matthäus (1982, 1986, 1990) und Pierre Littbarski (1982, 1986, 1990) haben das Kunststück vor Messi geschafft. Der Argentinier reiht sich mit Brasilien 2014, Katar 2022 und dem Comeback gegen England am Dienstag in Atlanta in diese Ahnengalerie ein.
Innerhalb dieses Kreises gibt es einen exklusiveren Rekord, den nur Cafú hält: Der ehemalige Weltmeister ist bislang der einzige Feldspieler, der in allen drei Endspielen auch tatsächlich Einsatzzeit bekam. Bei einigen der anderen Namen verhinderten Verletzungen, taktische Entscheidungen oder die Rolle als Ergänzungsspieler den Einsatz. Sollte Nationaltrainer Lionel Scaloni am Sonntag Messi von Beginn an aufbieten - und daran zweifelt in Buenos Aires niemand -, würde der 39-Jährige Cafús Alleinstellungsmerkmal einholen. Portugiesische, mexikanische und russische Sportmedien haben diese historische Rechnung in den vergangenen 24 Stunden immer wieder aufgemacht, unter anderem A Bola in Lissabon, Record in Mexiko-Stadt und Sport24 in Moskau.
Messi selbst wirkte nach dem 2:1-Sieg gegen England ungewöhnlich emotional. „Es ist unglaublich, was wir erreicht haben. Ein weiteres WM-Finale. Das kann manche traurig machen, sie können sagen, was sie wollen. Diese Mannschaft zeigt, dass uns niemand etwas geschenkt hat“, sagte er dem österreichischen Portal Laola1. Und weiter: „Das ging über den Fußball hinaus. Das spürte man, sobald die Nationalhymnen erklangen.“ Gegen England legte er beide argentinischen Treffer auf, das späte Kopfballtor von Lautaro Martínez nach seiner Flanke in der 90. Minute drehte das Halbfinale endgültig.
Statistisch ist diese WM Messis stärkste. Er kommt bei diesem Turnier auf acht Tore und vier Vorlagen in sieben Spielen, wie Eurosport aufrechnet, und hat den langjährigen WM-Bestwert des Deutschen Miroslav Klose (16 Turniertore) längst überboten. Es ist Messis sechste Weltmeisterschaft. Gegen die Schweiz im Viertelfinale und England im Halbfinale bereitete er die entscheidenden Treffer vor und tritt in Argentiniens Spiel gegen den Ball zunehmend als tiefer stehender Spielmacher in Erscheinung.
Diese Gruppe überrascht mich immer wieder. Wir sind einzigartig, das ist keine Arroganz.
Titelverteidigung wie seit 1962 keinem mehr
Sollte Argentinien am Sonntag gegen Spanien gewinnen, wäre die Albiceleste die erste Mannschaft seit Brasilien 1962, die einen WM-Titel erfolgreich verteidigt. Selbst Diego Maradonas Weltmeister-Mannschaft scheiterte 1990 in Rom im Finale an Deutschland. Scaloni hat sich in den vergangenen Wochen wiederholt über den engen Spielplan der auf 48 Teams aufgeblähten WM beschwert. „Je näher man dem Ende kommt und je mehr Spiele absolviert wurden, desto mehr Erholung braucht man - doch genau das Gegenteil passiert“, sagte er nach dem Viertelfinale gegen die Schweiz gegenüber Flashscore. Fällt der Titel am Sonntag an Argentinien, hätte das Team innerhalb von 17 Tagen fünf K.o.-Spiele gewonnen.
Spanien als Favorit auf dem Papier
Gegner ist Europameister Spanien, der im Halbfinale Frankreich mit 2:0 aus dem Turnier warf und in sieben Partien nur ein Gegentor kassierte. Bookmaker sehen La Roja als leichten Favoriten - Argentinien musste sowohl gegen die Schweiz als auch gegen Kap Verde in die Verlängerung. Für Messi ist es das erklärte letzte WM-Endspiel. Ob er auch Cafús exklusiven Rekord einholt, entscheidet sich in den ersten Minuten am MetLife Stadium: mit dem Betreten des Rasens.