Wie der erste WM-Tag in der Geschichte zu lesen ist, hängt davon ab, wo man am Donnerstag in Mexiko-Stadt stand. Im Aztekenstadion ließ Mexiko Südafrika im sechsten Anlauf 2:0 erstmals als Gastgeber zum WM-Auftakt hinter sich. Drei Kilometer weiter nördlich, am Zócalo, drängten sich Fans durch das Zeltlager der Lehrergewerkschaft CNTE. Und vor Tor 8 des Stadions lieferten sich Angehörige von Verschwundenen, junge Vermummte und mexikanische Polizei mit schweren Schilden Auseinandersetzungen, wie das Schweizer Fernsehen SRF berichtet.
Präsidentin Claudia Sheinbaum zog am Freitagmorgen eine demonstrativ positive Bilanz. „Mit großem Stolz gratuliere ich unserer mexikanischen Nationalmannschaft dafür, dass sie uns diese historische Freude beschert und der Welt die Größe Mexikos auf und neben dem Spielfeld gezeigt hat“, erklärte sie in einer Mitteilung der Stadtregierung, die unter anderem die Deutsche Presse-Agentur verbreitete. Vom Zócalo bis in jedes Stadtviertel hätten die Mexikanerinnen und Mexikaner ein „unvergessliches Spiel“ erlebt. Sheinbaum selbst hatte die Partie nicht im Stadion verfolgt, sondern bei dem Fan Festival, das auf dem Hauptplatz parallel zum Eröffnungstrubel der Lehrerproteste lief.
Auf die Demonstrationen am Rande des Spiels ging die Präsidentin in derselben Mitteilung ein, ohne sie zu verurteilen. „Mexiko-Stadt ist eine Stadt der Rechte und Freiheiten“, sagte Sheinbaum. „Nicht nur die Gruppen, die demonstrieren wollten, konnten dies tun, sondern auch die Bevölkerung hatte das Recht, an den Fußballfesten teilzunehmen oder ins Stadion zu gehen.“ Es ist eine Formulierung, die die Linie ihrer Regierung gegenüber der streikenden Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación (CNTE) zusammenfasst: kein Räumungsbefehl, aber auch kein Einlenken bei der umstrittenen Rentenreform von 2007, die der Anlass der Proteste ist.
Schaut die Spiele, aber seid euch bewusst: Mexiko ist Weltmeister des Verschwindenlassens.
Hinter den Polizeisperren bewegte sich am Donnerstag ein zweiter Protestzug Richtung Aztekenstadion: Angehörige der mehr als 133.000 in Mexiko offiziell als verschwunden gemeldeten Menschen. Viele trugen grüne Trikots im Schnitt der Nationalmannschaft, auf dem Rücken statt der Namen von Hirving Lozano oder Edson Álvarez die Namen ihrer Söhne, Töchter, Brüder. „Der Ball kehrt nach Hause zurück - aber wann die Verschwundenen?“, stand auf einem der Schilder, die die Online-Plattform amerika21 dokumentierte. Schwerbewaffnete Polizeieinheiten stoppten den Zug, bevor er das Stadion erreichte. An Tor 8 kam es laut SRF während des Spiels zu Rangeleien zwischen Beamten und teils vermummten jüngeren Demonstrierenden.
Sperrzone hielt 3,5 Stunden, Lehrerzelt bleibt
Die Sicherheitsarchitektur, mit der Bürgermeisterin Clara Brugada und das Innenministerium die letzten 1,6 Kilometer zum Stadion abgeriegelt hatten, hielt nach Angaben der Stadt bis rund dreieinhalb Stunden nach Abpfiff. Innerhalb der Sperrzone durften nur Fußgänger, Radfahrer und akkreditierte Fahrzeuge passieren; Nationalgarde und Bundespolizei kontrollierten die Zugänge. Der angekündigte Ausnahmezustand für Schulen und Behörden, den Sheinbaum am Mittwoch per Dekret verhängt hatte, lief planmäßig aus. Auf dem Zócalo blieb das Camp der CNTE über Nacht stehen - die Gewerkschaft hat angekündigt, ihre Aktionen während des Turniers nicht zu beenden.
Die Boulevardzeitung ESTO beschrieb die Stimmung am Eröffnungstag als ungewöhnlich für eine WM: Statt Vorfreude habe der Weg in Richtung Stadion ein „Gefühl von Anspannung und Verzweiflung“ ausgelöst. Diese Lesart deckt sich mit dem Bild, das auch deutsche Sender und das Online-Portal feverpitch zeichneten: Die Demonstrierenden hätten die Bühne, die sie ablehnen, gezielt genutzt, um eine globale Öffentlichkeit zu erreichen, die ihnen in Mexiko selten zuhört. Sheinbaums Botschaft, die Stadt habe die Doppelbelastung aus Festtag und Protest „in Würde“ gemeistert, dürfte die Angehörigen der Vermissten nicht erreichen. Sie haben angekündigt, an jedem Spieltag in Mexiko-Stadt wieder loszuziehen.