Sechs Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt geht der Co-Gastgeber mit dem größten Sicherheitsaufgebot seiner Turniergeschichte an den Start. Rund 100.000 Polizistinnen, Polizisten, Soldatinnen, Soldaten und private Sicherheitskräfte sollen die 13 mexikanischen WM-Spiele in Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey absichern, wie die Regierung in ihrem „Plan Kukulkán“ festgehalten hat. Das Konzept ist mit den USA, Kanada und der FIFA abgestimmt und reicht von Aufklärung über Prävention bis zu offensiven Polizeieinsätzen.

Vorgestellt wurde der Plan Ende Februar, gut zwei Wochen nach der Tötung des Kartellchefs Nemesio Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ durch das Militär. Auf den Tod des CJNG-Anführers folgten Gewaltexzesse, allein im Bundesstaat Jalisco starben Anfang des Jahres mehr als 70 Menschen. Guadalajara, in dem während des Turniers vier WM-Partien angepfiffen werden, liegt im Zentrum dieses Bundesstaates - benannt nach demselben Kartell, das hier seit Jahren operiert.

Innenministerin Omar García Harfuch hat auf Anweisung von Präsidentin Claudia Sheinbaum mehrere Sitzungen mit FIFA-Vertretern geleitet, um die Spielorte abzusichern. Sheinbaum versuchte zuletzt, internationale Sorgen abzuräumen, der Besuch werde für Fans „kein Risiko“ sein. Forscherin Ana María Cifuentes warnte in der Rhein-Zeitung dagegen, dass Großturniere für die organisierte Kriminalität auch wirtschaftliche Gelegenheiten eröffnen - vom Drogenhandel über Prostitution bis zum Schwarzmarkt für Tickets.

Sie möchten sich keinen weiteren Ärger einhandeln.
- Polizeichef in Jalisco, zitiert in der Rhein-Zeitung

Die Sicherheitsbehörden setzen vor Ort auf Gesichtserkennung an den Zugängen, Militäreskorten für Nationalteams und mehrere Sicherheitsringe um die Stadien. Schon beim Testspiel zwischen Mexiko und Island in Santiago de Querétaro war das Areal mit sechs konzentrischen Absperrungen ausgestattet, wie die taz im Februar dokumentierte. Hinzu kommt eine spürbare Nachfrage nach gepanzerten Fahrzeugen, die Veranstalter und Sponsoren in den Spielorten gebucht haben.

Eine Doku rückt die Schattenseite ins Bild

Wie schmal der Grat zwischen Turnierinszenierung und alltäglicher Bedrohung verläuft, zeigt an diesem Donnerstagabend eine SWR-Dokumentation in der ARD. „Mexiko: WM im Schatten der Kartelle“ läuft um 23 Uhr im Ersten und ist seit Mittwoch in der Mediathek abrufbar. Autor Michael Stocks porträtiert unter anderem Raúl Servin aus Guadalajara, der seit acht Jahren seinen verschleppten Sohn sucht. Über 130.000 Menschen gelten in Mexiko offiziell als vermisst, in der Nähe des Estadio Akron in Zapopan stießen Suchgruppen vor dem Turnier auf ein Massengrab mit etwa 500 Toten.

Amnesty International macht für das Ausmaß der Verschwindungen sowohl Kartelle als auch korrupte Behörden und die Militarisierung der Sicherheitsarchitektur verantwortlich. Sicherheitsexperten verweisen darauf, dass die Kartelle das Turnier eher meiden dürften: Eine offene Eskalation würde den Druck Washingtons und der mexikanischen Streitkräfte massiv erhöhen. Der Plan Kukulkán setzt genau auf dieses Kalkül - Präsenz statt Konfrontation, demonstrativ entlang der Hauptverkehrsachsen und am Aztekenstadion.

Am 11. Juni um 21 Uhr deutscher Zeit treffen Mexiko und Südafrika dort zum Eröffnungsspiel aufeinander. Es ist die sechste WM-Eröffnung auf mexikanischem Boden, das renovierte Aztekenstadion fasst nach dem Umbau bis zu 90.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Wie ruhig die kommenden 44 Turniertage tatsächlich verlaufen, darüber entscheidet nicht das Konzept auf dem Papier - sondern die Frage, ob das Mega-Aufgebot die Sicherheitslage außerhalb der Stadien überhaupt erreichen kann.