Die Zahlen, die der Deutsche Mieterbund am Mittwoch in Berlin vorgelegt hat, sind die schärfste Bilanz der Mietkrise seit Jahren: 3,2 Millionen Mieterhaushalte geben mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Kaltmiete und Heizung aus. Weitere 3,4 Millionen liegen zwischen 30 und 40 Prozent. Zusammengerechnet ist damit jeder dritte Mieterhaushalt in Deutschland überlastet, insgesamt 6,6 Millionen Haushalte von knapp 20 Millionen. Erstellt hat die Auswertung das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag des Mieterbunds, auf Basis des Mikrozensus 2022, fortgeschrieben auf 2024.

Besonders deutlich wird die Schieflage am unteren Ende der Einkommensverteilung. Die ärmsten zehn Prozent der Mieterinnen und Mieter geben im Schnitt 60 Prozent ihres Nettoeinkommens fürs Wohnen aus. 8,3 Millionen Haushalte - 42 Prozent aller Mieter - gehören zum untersten Einkommensdrittel mit einem mittleren Haushaltsnettoeinkommen von 1.417 Euro im Monat. Wer in dieser Gruppe nach 2020 in eine neue Wohnung gezogen ist, zahlt vor allem in den Metropolen erheblich draufgesattelt: In Berlin liegen die Mieten neuer Verträge im Schnitt 29 Prozent über dem Durchschnitt aller laufenden Mietverträge, in München 26 Prozent, in Frankfurt am Main 25 Prozent.

Mieterbund-Präsidentin fordert verlängerte Mietpreisbremse

Mieterbund-Präsidentin Melanie Weber-Moritz nutzte die Vorstellung, um den politischen Hebel zu beschreiben: „Die Spirale immer weiter steigender Mieten muss gestoppt werden“, sagte sie. Konkret verlangt der Verband eine Verlängerung und Verschärfung der Mietpreisbremse, die nach geltendem Recht 2029 ausläuft, härtere Sanktionen gegen illegale Mieterhöhungen sowie eine Verdopplung des Bestands an Sozialwohnungen von rund 1,1 Millionen auf zwei Millionen bis 2030. Zusätzlich solle der Bund den Aufbau gemeinnütziger Wohnungsunternehmen vorantreiben - ein Vorhaben, das im Koalitionsvertrag von Union und SPD nur in Andeutungen steht.

Die Spirale immer weiter steigender Mieten muss gestoppt werden.
- Melanie Weber-Moritz, Präsidentin des Deutschen Mieterbunds

Die Bundesregierung hat sich zu den Forderungen bislang nicht im Detail geäußert. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hatte erst vor wenigen Wochen angekündigt, die Mietpreisbremse über 2029 hinaus zu verlängern. Eine Verdopplung des Sozialwohnungsbestands wird in der Koalition allerdings als kaum finanzierbar diskutiert; die Förderzusagen für 2026 und 2027 bleiben hinter den 100.000 neuen Sozialwohnungen pro Jahr zurück, die die SPD im Wahlkampf 2025 versprochen hatte. Der Mieterbund verweist auf die Demografie: Bis 2030 fallen nach IWU-Schätzungen Hunderttausende heute geförderte Wohnungen aus der Bindung, weil Sozialbindungen nach 25 bis 30 Jahren auslaufen.

Politisch trifft die Studie auf eine Debatte, die ohnehin angespannt ist. Die Inflation lag im Mai bei 2,6 Prozent, die Mieten als zweitgrößter Block der Lebenshaltungskosten wirken in dieser Statistik als zentraler Preistreiber. In der jüngsten GMS-Umfrage vom Wochenende lag die SPD bei 11 Prozent - ein Ergebnis, das auch in der Bundestagsfraktion mit der Wohnungspolitik der eigenen Bauministerin in Verbindung gebracht wird. Wenn die Forderungen des Mieterbunds nach einer Mehrheit für ein wirksameres Mietrecht suchen, müssen sie diese 2026 vor allem in der SPD finden - oder bei den Grünen.