Wenn am Sonntagabend im MetLife Stadium Argentinien und Spanien um den WM-Titel spielen, bleibt ein prominenter Platz in der Ehrentribüne leer. Javier Milei, seit Dezember 2023 Präsident Argentiniens, fliegt nicht nach East Rutherford. Auf die Frage der Buenos-Aires-Radiostation El Observador, ob er zum Endspiel in die USA reise, antwortete er in dieser Woche knapp: „Nein, auf keinen Fall“. Er werde die Partie wie die sieben vorangegangenen Turnierspiele der Albiceleste aus seinem Amtssitz Quinta de Olivos in der Provinz Buenos Aires verfolgen.

Der Verzicht ist keine politische Entscheidung, sondern eine sportliche. Milei begründete sie mit einer persönlichen „cábala“, einem Glücksritual, wie es viele Fans der Nationalmannschaft pflegen. Kern der Routine ist eine bestimmte Jacke, die er zu jedem WM-Spiel trägt, weil er in der Residenz nicht heizt. Beim Achtelfinale gegen die Schweiz (3:1 n. V.) hatte Milei sie kurz ausgezogen - und Argentinien kassierte den Ausgleich. „Ich zog sie aus und wir kassierten ein Tor. Ich zog sie wieder an und habe sie seitdem nicht mehr ausgezogen“, sagte Milei El Observador. Ob die Reise nach New Jersey Teil derselben Logik sei, bestätigte er mit einem einzigen „Ja“.

An diesem Tag räume ich ihn komplett. Ich habe auf diesem Foto nichts zu suchen.
- Javier Milei über die Casa Rosada bei einem argentinischen Titelgewinn, Radio El Observador

Sein Aberglaube geht so weit, dass Milei auch die Siegesfeier auslässt. Sollte Argentinien den Titel verteidigen, will er die Casa Rosada, den Regierungspalast in Buenos Aires, für die Nationalmannschaft öffnen - selbst aber nicht anwesend sein. Er stellt den Palast zur Verfügung, das Erinnerungsbild an der Seite von Lionel Messi und Trainer Lionel Scaloni überlässt er dem Team allein.

Ein präsidialer Kabinen-Besuch als „Mufa“, als Unglücksbringer, ist in Argentinien ein bekanntes Trauma. Carlos Menem suchte 1990 vor dem WM-Auftakt gegen Kamerun die Kabine der Nationalmannschaft auf. Argentinien verlor 0:1, arbeitete sich mühsam durchs Turnier und unterlag im Finale in Rom mit 0:1 der Bundesrepublik Deutschland. Menem galt danach als der Präsident, der die Elf verhext hatte. Seither zeigen sich argentinische Staatschefs bei entscheidenden Partien auffällig zurück.

Volle Ehrentribüne trotz präsidialer Absage

Die Ehrenränge im MetLife Stadium füllen sich auch ohne Milei. Aus Madrid reist die spanische Königsfamilie an: König Felipe VI., Königin Letizia sowie die Töchter Leonor und Sofía sind angekündigt, ebenso Ministerpräsident Pedro Sánchez. US-Präsident Donald Trump überreicht gemeinsam mit FIFA-Präsident Gianni Infantino den Pokal. Als Vertreter der beiden anderen Gastgeberländer sind Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum und Kanadas Premier Mark Carney eingeplant, wie das Handelsblatt und die österreichische Nachrichten.at berichten.

Milei bleibt derweil in Olivos vor dem Fernseher. Um 16 Uhr Ortszeit rollt am Sonntag der Ball an, in Buenos Aires wird es dann später Nachmittag. Die Cábala verlangt dieselbe Couch, dieselbe Jacke und dieselbe Sitzhaltung wie beim 2:1 im Halbfinale gegen England. Gewinnt Argentinien, feiert die Elf in seinem Palast; verliert sie, ist die Jacke im Zweifel schuld.