Am heutigen Dienstag wäre Miles Davis 100 Jahre alt geworden. Geboren am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, prägte der Trompeter, Bandleader und Komponist über vier Jahrzehnte hinweg den modernen Jazz wie kaum ein anderer Musiker. Zum Geburtstag programmiert die hr-Bigband am Dienstagabend in der Alten Oper Frankfurt - der Bühne, auf der Davis 1990 selbst stand, ein gutes Jahr vor seinem Tod - die drei Orchesterwerke „Miles Ahead“, „Porgy and Bess“ und „Sketches of Spain“ in voller Länge. Am Mittwoch wandert das Programm unter Leitung der Dirigentin Miho Hazama ins Konzerthaus Dortmund.
Das Frankfurter Konzert ist nur ein Punkt in einem Jubiläumsreigen quer durch die deutschsprachigen Konzertsäle. Die Elbphilharmonie Hamburg widmet Davis fünf eigene Abende unter dem Titel „Miles 100“: Am 3. Mai eröffnete der Trompeter Ambrose Akinmusire mit dem Brussels Jazz Orchestra, am 5. Mai interpretierte Schlagzeuger Bobby Previte das Fusion-Schlüsselwerk „Bitches Brew“ neu, am 6. Mai spielte die NDR Bigband „Sketches of Spain“ nach den Originalpartituren von Gil Evans. Im Sommer folgen Terence Blanchard und Ravi Coltrane am 30. Juni sowie Davis' langjähriger Bassist Marcus Miller am 9. Juli. Arte sendete am Pfingstmontag die Dokumentation „Birth of the Cool“ von Stanley Nelson zur besten Sendezeit.
Es ist der beste Beweis, dass Miles' künstlerische Haltung bis heute relevant ist und neue Generationen inspiriert.
Davis' musikalische Biografie ist eine Serie ästhetischer Brüche. Mit 18 Jahren zog er nach New York, spielte bei Charlie Parker in der Bebop-Avantgarde, formulierte mit dem Capitol-Album „Birth of the Cool“ 1957 den Cool Jazz und eröffnete mit „Kind of Blue“ 1959 - bis heute das meistverkaufte Jazz-Album überhaupt - die Tür zum modalen Spiel. 1970 definierte er mit „Bitches Brew“ den Jazzrock. „Es war immer nur das, was heute da war, was ihn interessiert hat“, sagt der österreichische Trompeter Thomas Gansch dem Schweizer Radio SRF, „mit der Musik von gestern hatte er nichts zu schaffen.“
Die Würdigung trifft die Jazzwelt in einem Moment, in dem sie ohnehin auf den eigenen Bestand schaut. Erst am Montag war Sonny Rollins gestorben, einer der letzten Bebop-Veteranen und in den 1950er Jahren ein direkter Mitspieler von Davis. Der Trompeter hatte Rollins laut der Deutschen Presse-Agentur einmal den „größten Tenor-Saxophonisten aller Zeiten“ genannt. Beide gehörten zur selben New Yorker Kohorte, die nach dem Zweiten Weltkrieg den modernen Jazz auf den Punkt brachte.
Der Erfinder der Coolness
Die deutschsprachigen Feuilletons begleiten das Jubiläum mit Schwerpunktausgaben. Der Tagesspiegel widmet Davis eine sechsfache Autorenstrecke unter dem Titel „Der Erfinder der Coolness“. Die NZZ bespricht die neue Davis-Biografie „Sound of a Life“ des Hamburger Jazz-Publizisten Stefan Hentz. Der Österreichische Rundfunk Ö1 sendete in der Nacht zum Sonntag eine zweiteilige Jazznacht über das zweite Davis-Quintett mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams.
Was Davis von vielen Großmusikern unterscheidet, ist sein Führungsstil im Studio. „Ein guter Bandleader hat das Selbstbewusstsein, nicht ständig im Rampenlicht zu stehen“, zitiert SRF den US-Bassisten Christian McBride. „Miles hatte die Fähigkeit, das größere Bild zu sehen.“ Wer durch die Besetzungslisten seiner Bands der 1960er Jahre blättert - John Coltrane, Bill Evans, Cannonball Adderley, Herbie Hancock, Wayne Shorter, später Chick Corea und Joe Zawinul - sieht eine fast lückenlose Reihe von Musikern, die anschließend selbst zu Bandleadern wurden. Genau diese Multiplikator-Funktion treibt die deutschen Bigband-Tributes dieser Woche: Davis' Partituren werden nicht eingefroren, sondern weitergespielt.