Am 7. August jährt sich einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Bundesrepublik zum 40. Mal. 1986 fand ein Busfahrer die Leiche der siebenjährigen Melanie Weimar an einem Parkplatz nahe ihrem Wohnort im nordhessischen Philippsthal, wenige Stunden später wurde ihre fünfjährige Schwester Karola auf einem weiteren Parkplatz tot aufgefunden. Beide Kinder waren erstickt oder erwürgt worden.

Vier Jahrzehnte, drei Prozesse und eine lebenslange Haftstrafe später steht der Fall erneut vor einer möglichen Wende. Wie das Landgericht Darmstadt bestätigt hat, prüft die Kammer einen Wiederaufnahmeantrag, den der Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate am 17. März 2026 für seine Mandantin Monika Böttcher - vormals Weimar - eingereicht hat. Ziel ist die Aufhebung des rechtskräftigen Urteils von 1999 und ein Freispruch, wie Strate auf seiner Website erklärt.

„Da sich die Akten zu diesem Verfahren nicht beim Landgericht Darmstadt befinden, wurden diese nunmehr angefordert“, teilte ein Gerichtssprecher der hessenschau im März mit. Wann eine Entscheidung fällt, ist offen; das Gericht selbst formulierte, es lasse sich „nicht seriös prognostizieren“, wann in der Sache entschieden werde.

Ein Schwager rückt in den Fokus

Strate stützt seinen Antrag auf eine „neue Tatsache“ nach der Strafprozessordnung: Raymond Allen Elliott, damals Schwager der Familie Weimar und Bewohner der Wohnung über der Familie in Philippsthal, wurde 1999 in Kalifornien zu 16 Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs mehrerer Kinder verurteilt. Zeuginnen aus den USA - darunter die heute 38-jährige Angelina Broughton sowie zwei Schwestern, die eidesstattliche Erklärungen an das Landgericht Darmstadt übersandten - schildern Missbrauchsfälle, die bis in die siebziger Jahre zurückreichen.

Zusätzlich verweist Strate auf Zeichnungen, die Melanie und Karola in den Wochen vor ihrem Tod anfertigten. Der Anwalt beschreibt die dargestellten Figuren in seinem Antrag als „angsterfüllt“ blickend auf ein Wesen mit „phallusartiger Gliedmaße“. Die Zeichnungen, so die Argumentation, sollten auf den eigentlichen Täter hinweisen. Nach Recherchen von Osthessen-News war Elliott in der Tatnacht in Philippsthal anwesend; sein damaliges Alibi, er habe auf einem US-Militärstützpunkt gekocht, sei in den Ermittlungsakten nicht überprüft worden.

Ich lasse meinen Namen nicht so verleumden. Wenn sie mich jagen wollen, dann sollen sie tun.
- Raymond Allen Elliott gegenüber Bild, Sacramento

Elliott, inzwischen wieder in Kalifornien lebend, wies die Vorwürfe im Frühjahr gegenüber einem Bild-Reporter in Sacramento zurück. „Ich lasse meinen Namen nicht so verleumden“, sagte er dem Blatt und fügte hinzu: „Wenn sie mich jagen wollen, dann sollen sie tun.“ Eine Auslieferung oder ein deutsches Ermittlungsverfahren gegen ihn ist bislang nicht anhängig.

Drei Prozesse, ein umstrittenes Urteil

Der juristische Weg des Falls ist ohne Beispiel. 1988 verurteilte das Landgericht Fulda Monika Weimar zu lebenslanger Haft. 1997 sprach das Landgericht Gießen sie in einem Wiederaufnahmeverfahren frei - ein Urteil, das der Bundesgerichtshof aufhob. 1999 kam es am Landgericht Frankfurt zur erneuten Verurteilung, die der BGH im Jahr 2000 bestätigte. 2006 wurde Weimar nach 15 Jahren Haft entlassen, nachdem keine besondere Schwere der Schuld festgestellt worden war.

Böttcher, die den Namen ihres zweiten Ehemannes annahm, hat ihre Unschuld über all die Jahre beteuert und lebt seither weitgehend zurückgezogen. Strate, der auch die Wiederaufnahmeverfahren im Fall Gustl Mollath und Harry Wörz verantwortete, gehört zu den erfahrensten Strafverteidigern in diesem Feld.

Ob das Landgericht Darmstadt den Antrag zulässt, entscheidet nicht über Schuld oder Unschuld, sondern nur darüber, ob die vorgelegten Zeugenaussagen und Zeichnungen als „neue Tatsachen“ im Sinne von Paragraf 359 Nummer 5 StPO gewertet werden. Die Hürden sind hoch: Nach nahezu vier Jahrzehnten muss die Kammer prüfen, ob das neue Material eine ernsthafte Wahrscheinlichkeit begründet, dass ein anderer Prozess zu einem anderen Ergebnis geführt hätte. Eine Entscheidung wird nicht vor dem Herbst erwartet.