Die Ukraine hat in der Nacht zum Samstag einen der bislang größten Drohnenangriffe des Krieges auf die russische Hauptstadtregion geführt. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin waren rund 600 unbemannte Flugkörper im Anflug auf das Gebiet Moskau. Allein über der Region seien 201 Drohnen von der Luftabwehr abgeschossen worden, teilte Sobjanin am Morgen über den Messengerdienst Max mit. Das russische Verteidigungsministerium sprach landesweit von 822 zerstörten Drohnen.
Am schwersten getroffen wurde ein Logistikzentrum des russischen Online-Händlers Wildberries im Ort Kolodino im Stadtkreis Podolsk, etwa 40 Kilometer südlich des Kremls. Das Lager mit einer Fläche von über 200.000 Quadratmetern gilt als das größte oder zweitgrößte des Unternehmens in Russland. Der Gouverneur der Region Moskau, Andrej Worobjow, bezeichnete den Angriff als „einen der größten der jüngsten Zeit“. Nach seinen Angaben wurden alle Mitarbeiter des Lagers rechtzeitig evakuiert.
Einer der größten Angriffe der jüngsten Zeit.
Ein 83-jähriger Mann kam nach Angaben Worobjows in der Region Moskau ums Leben, als eine Drohne auf sein Grundstück stürzte. In Podolsk wurden drei Menschen verletzt, wie die Berliner Zeitung unter Berufung auf russische Behörden berichtet. Ein zweites Feuer brach rund 15 Kilometer entfernt in einem Warenlager im Distrikt Domodedowo aus, ebenfalls nach einem Drohnentreffer. In der südrussischen Region Rostow am Don meldeten die Behörden zusätzlich mehrere Todesopfer.
Serie von Angriffen auf Wildberries
Der Angriff auf Kolodino ist der bislang schwerste in einer Serie ukrainischer Attacken gegen die Logistik von Wildberries. Nach einer Zählung von Reuters wurden seit Mitte Juli mehr als ein Dutzend Standorte des Konzerns getroffen. Der Portal t-online beziffert die möglichen Verluste allein für Wildberries auf bis zu zwei Milliarden Euro, die Warenschäden bei den auf der Plattform verkaufenden Händlern auf bis zu 28 Milliarden Euro. Betroffen sind demnach mehr als 400.000 Verkäufer.
Die ukrainische Seite wirft Wildberries vor, in seinen Lagern auch Drohnenkomponenten und andere sanktionierte Güter für das russische Militär zu lagern. Der Konzern und der Kreml weisen das zurück. Wildberries ist mit über 40 Millionen Nutzern der größte Online-Händler des Landes und beschäftigt in Kolodino nach eigenen Angaben tausende Mitarbeiter.
Russland schlägt zurück
Parallel zu den ukrainischen Drohnen griff Russland in derselben Nacht ukrainische Städte mit ballistischen Raketen und Kampfdrohnen an. In Krywyj Rih wurde nach Angaben von Al Jazeera eine Frau getötet und sechs weitere Menschen verletzt, in Kiew gab es einen Verletzten. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, ukrainische Kräfte hätten in derselben Nacht auch den Luftwaffenstützpunkt Sawasleyka und eine Einrichtung der Weltraumagentur Roskosmos im Gebiet Samara mit Marschflugkörpern des Typs Flamingo getroffen.
Der Angriff markiert eine neue Dimension der ukrainischen Fernkampfstrategie: Waren es Ende Juli noch 390, Anfang des Monats 452 Drohnen in einer Nacht, so wurde diese Marke mit den 600 Flugkörpern in der Nacht zum Samstag deutlich überschritten. Ziel sind zunehmend die zivil-militärischen Schnittstellen der russischen Wirtschaft, von Raffinerien bis zu großen Logistikketten.