Über Moskau stiegen am Donnerstagmorgen schwarze Rauchsäulen auf. Knapp 200 ukrainische Drohnen hatten in den Stunden zuvor die russische Hauptstadt angeflogen - der nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin „eine der schwersten ukrainischen Drohnenangriffe seit Kriegsbeginn“ war. Hauptziel: die Gazpromneft-Raffinerie im Stadtbezirk Kapotnja im Südosten der Metropole.

Sobjanin gab an, die russische Flugabwehr habe innerhalb von acht Stunden mehr als 190 anfliegende Drohnen abgefangen. Mehreren sei es jedoch gelungen, die Raffinerie zu erreichen. Das unabhängige Portal Astra identifizierte nach Auswertung von Videoaufnahmen mindestens fünf Brandherde auf dem Werksgelände. Die Anlage in Kapotnja gehört zu den größten in Russland und hat eine Jahreskapazität von rund elf Millionen Tonnen; sie deckt einen erheblichen Teil der Treibstoffversorgung Moskaus ab.

Mehreren Drohnen ist es gelungen, die Moskauer Ölverarbeitungsanlage zu erreichen.
- Sergej Sobjanin, Bürgermeister von Moskau

Es ist nach Angaben russischer Stellen bereits der dritte Treffer auf die Raffinerie innerhalb weniger Tage; zuletzt war die Anlage am 16. Juni angegriffen worden. Vier Moskauer Flughäfen blieben am Morgen mehrere Stunden gesperrt. Neben dem Werk soll auch ein Wohnhaus in der Stadt sowie ein Hochhaus im Umland beschädigt worden sein. Ein abgeschossenes Flugabwehrgeschoss explodierte nach Berichten in einem Gartenfachmarkt.

Aus Kiew bekannte sich Präsident Wolodymyr Selenskyj zu dem Angriff. Auf seinen Kanälen bezeichnete er die Aktion als „Langstrecken-Sanktionen“ gegen die russische Ölindustrie und als „gerechte Antwort“ auf die anhaltenden russischen Schläge gegen ukrainische Städte. Die ukrainische Armee fasst Operationen dieser Art seit Monaten unter dem Begriff zusammen - ein Hinweis darauf, dass Kiew Raffinerien gezielt als Wirtschaftsziel auswählt.

Druck auf die russische Versorgung

Für Russland kommt der Schlag zu einem heiklen Zeitpunkt. Die Raffinerien des Landes liefen schon vor dem aktuellen Angriff am Limit, ein Teil der Kapazitäten ist nach früheren ukrainischen Drohnenattacken im Umbau. Engpässe bei Benzin und Diesel waren in den vergangenen Wochen in mehreren russischen Regionen sichtbar geworden. Ein dauerhafter Ausfall in Kapotnja würde die Knappheit weiter verschärfen - mit unmittelbaren Folgen für die Versorgung Moskaus.

Der Kreml äußerte sich zunächst nicht direkt zur Höhe der Schäden. Aus Moskauer Krankenhäusern wurden nach Stand des Mittags keine Todesopfer in der Stadt gemeldet. In der Region Belgorod kam nach Angaben örtlicher Behörden ein Mensch durch herabstürzende Trümmer ums Leben.