Der Berliner Senat steht kurz davor, eine der größten Straßenbaustellen der Stadt zu vergeben. Der Zuschlag für Abriss und Neubau der Mühlendammbrücke soll noch im Mai erteilt werden, zwölf Werktage später sollen die Bagger anrücken. Wie der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung berichten, läuft das Vergabeverfahren wegen akuter Einsturzgefahr als „beschleunigtes Verfahren“. Federführend ist die Senatsverwaltung von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU).

Die 1968 errichtete Brücke ist mit Hennigsdorfer Spannstahl gebaut, demselben Material, das im September 2024 zum Einsturz der Dresdner Carolabrücke beigetragen hat. Der Stahl ist anfällig für Spannungsrisskorrosion; reißt ein Spanndraht, kann die Konstruktion versagen. Seit August 2018 überwachen knapp 100 Sensoren das Tragwerk, 2021 wurde ein 4,6 Meter langer Riss im Beton entdeckt. Eine Hälfte der Brücke wurde bereits abgerissen, die zweite trägt den gesamten Verkehr - laut Verkehrsverwaltung rund 72.800 Autos und 2.500 Lastwagen täglich, wie t-online berichtet.

Gefahr von Spannstahlbrüchen
- Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, zitiert vom Tagesspiegel

Wegen des Risikos hat die Verwaltung die Ausschreibung mit verkürzten Fristen aufgesetzt. Bieten konnten Firmen bis zum 19. Dezember 2025; drei Unternehmen sollen laut Berliner Kurier in der engeren Wahl sein. Nach der Zuschlagserteilung im Mai bleiben den ausgewählten Bauunternehmen zwölf Werktage Vorlauf, dann beginnt der erste Bauabschnitt auf der bereits leeren Brückenhälfte. Vorgesehen sind 1025 Werktage - gut drei Jahre und drei Monate, das Ende fällt damit in das Jahr 2029. Rund 2.400 Kubikmeter Bestandsbeton sollen ausgebrochen, 5.000 Kubikmeter neu eingebaut werden.

Entwurf aus Kopenhagen, Streit über die Breite

Der Entwurf stammt vom dänischen Architekturbüro Cobe, das den Wettbewerb 2021 gewann. Die neue Brücke wird 38,3 Meter breit - schmaler als das DDR-Bauwerk von 1968 mit 45,2 Metern, aber breiter als ursprünglich von Bürgerinitiativen gefordert. Pro Richtung sind zwei Fahrspuren vorgesehen, dazu geschützte Radwege und Gehflächen; eine Straßenbahn soll künftig nicht mehr über den Mühlendamm geführt werden. Kritiker monieren, dass eine schmalere Variante das historische Zentrum aufgewertet hätte. Die CDU-geführte Verwaltung hält dagegen, dass die B1 als eine der wichtigsten Ost-West-Achsen Berlins die Spurzahl rechtfertige.

Was Autofahrer erwartet

Während der Bauzeit will die Verwaltung den Verkehr nach Möglichkeit über die Brücke laufen lassen - eine Vollsperrung gilt als nicht darstellbar. Trotzdem rechnen Verkehrsexperten laut Berliner Kurier mit jahrelangen erheblichen Behinderungen auf der Achse Mühlendamm-Grunerstraße-Leipziger Straße. Die Mühlendammbrücke war seit dem Abriss-Beschluss vor sieben Jahren wiederholt Anlass für Streit zwischen Senat, Bezirk Mitte und Bürgerinitiativen; mit der Vergabe in diesem Monat verlässt das Projekt nun die Planungsphase.

Für den Senat ist die Beschleunigung auch ein politisches Signal. Nach dem Einsturz der Carolabrücke 2024 ist der Umgang mit altem Spannstahl an Brücken in der Bundesrepublik unter neue Aufmerksamkeit geraten; in Berlin ist die Mühlendammbrücke nicht die einzige Konstruktion dieser Bauart. Eine Bauzeit, die ohne Verzögerungen bis Ende 2029 reicht, wäre für die Stadt zwar ein langes Großbaustellen-Kapitel - aber das vermutlich kleinere Übel gegenüber einer Notsperrung mitten in Berlin-Mitte.