Der schwedische VPN-Anbieter Mullvad steht seit Wochen im Fokus einer Debatte über die politischen Ansichten seiner Eigentümer. Auslöser ist eine Enthüllung der linken Wochenzeitung Flamman, die den Rechenschaftsbericht der Örebropartiet auswertete: Mitgründer Daniel Berntsson, laut Unternehmensregister Halter von 50 Prozent an der Muttergesellschaft Amagicom AB, hatte 2025 privat fünf Millionen schwedische Kronen an die populistische Regionalpartei überwiesen - umgerechnet rund 470.000 Euro. Nach Angaben von Gigazine und Flamman entspricht die Summe etwa 72 Prozent der jährlichen Betriebsmittel der Örebropartiet, die 2026 erstmals bei einer landesweiten Wahl in Schweden antritt.
Die Partei fordert eine strikte Zuwanderungsbegrenzung und eine sogenannte Remigration, die Rückführung eingewanderter Menschen in ihre Herkunftsländer. Berntsson begründete seine Spende laut Gigazine mit „Unzufriedenheit über Politik zu Kriminalität, Migration und Integration“. In einem eigenen Blogbeitrag verwies er auf die Anti-Korruptions-Positionen der Örebropartiet als weiteres Motiv.
Mullvad-Co-CEO Fredrik Strömberg reagierte gegenüber TechRadar mit einem für den Datenschutzsektor ungewöhnlich deutlichen Statement: „Für mich persönlich gilt: Ich finde nicht gut, dass er diese Spende gemacht hat, und ich weiß, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen das genauso sehen.“ Zugleich stellte er klar: „Weder Mullvad VPN AB noch Amagicom AB oder Tillitis AB waren an der Unterstützung der Partei beteiligt.“ Das Unternehmen bezeichnet die Zahlung in einer Stellungnahme als „private Spende, die nicht Teil der Werte oder Mission von Mullvad“ sei.
Ich finde nicht gut, dass er diese Spende gemacht hat, und ich weiß, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen das genauso sehen.
Rückerstattung und Reaktion in Foren
Mullvad kündigte an, jenen Kundinnen und Kunden das verbliebene Guthaben zurückzuerstatten, die ihr Abonnement wegen der Spende kündigen möchten. Auf dem Firmenblog verwies das Unternehmen erneut auf sein Selbstverständnis: Man kämpfe für „universelle Privatsphäre, Meinungsfreiheit und Informationsfreiheit“. Die Reichweite der Kündigungswelle lässt sich nicht seriös beziffern, das Unternehmen veröffentlicht keine Nutzerzahlen. In den Kommentarspalten des britischen IT-Magazins The Register und in den einschlägigen Datenschutz-Communitys auf Mastodon und Reddit meldeten sich in den vergangenen Tagen einzelne Nutzer, die ihre Abos gekündigt hatten - andere argumentierten, dass laufende Zahlungen an Gehälter und nicht an das Privatvermögen der Eigentümer flössen.
Für Mullvad ist der Vorgang heikler als für andere Software-Anbieter, weil das Geschäftsmodell auf Vertrauen aufbaut. Der Dienst nimmt Bargeld per Post, verzichtet auf Kundenkonten und wirbt seit Jahren mit einer strikt anonymen Nutzerverwaltung. Die politische Positionierung des Miteigentümers kollidiert offen mit der Zielgruppe: Aktivisten, Journalistinnen und Nutzer in autoritären Staaten, die für Anonymität bezahlen. In der DACH-Region wird Mullvad unter anderem von der Bürgerrechtsorganisation Digitale Gesellschaft und dem Chaos Computer Club als eine der wenigen glaubwürdigen VPN-Optionen empfohlen.
Wie viele Abos die Spendendiskussion konkret gekostet hat, wird Mullvad kaum offenlegen. Klar ist, dass der Fall die Datenschutz-Branche vor eine Grundsatzfrage stellt: Wo verlaufen die Grenzen zwischen der privaten Politik von Eigentümern und der Produktverantwortung eines Unternehmens, dessen Kernversprechen die politische Neutralität einer Infrastruktur ist.