Wenn Jamal Musiala am Freitagmittag in Toronto neben Julian Nagelsmann auf das Podium tritt, ist die wichtigste Botschaft schon gesendet, bevor das erste Wort fällt. Fünf Tage nach seinem ersten WM-Tor beim 7:1 gegen Curaçao und der Auswechslung in der 64. Minute, die ihn sichtbar irritiert hatte, schickt der DFB seinen Spielmacher selbst vor die Presse. Spieler mit echten muskulären Problemen werden in der Regel nicht auf das PK-Podium gesetzt.
Musialas Treffer zum 4:1 in Houston war mehr als ein persönlicher Knoten, der nach 17 WM-Minuten im Auftaktspiel und einer torlosen Russland-WM platzte. Er war auch ein Eintrag in das WM-Tor-Konto des FC Bayern, das nach dem ersten Spieltag bei 83 Treffern liegt und damit laut bundesliga.com „mehr als jeder andere Club der Welt“ zählt. Real Madrid folgt knapp dahinter, Barcelona mit 77. Gerd Müllers 14 WM-Tore bleiben innerhalb dieses Bayern-Rankings die individuelle Marke; Musiala hat seine Zählung gerade erst eröffnet.
Die Szene, um die sich seither die Diskussion dreht, spielte 18 Minuten nach seinem Tor. Nagelsmann wechselte Musiala für Deniz Undav aus, obwohl der 23-Jährige zuvor in der zweiten Halbzeit „gedehnt und ans Bein gefasst“ hatte, wie t-online berichtete. Der Bundestrainer wies die Verletzungslesart nach dem Spiel zurück. „Ich habe ihn nicht ausgewechselt wegen einer Verletzung“, sagte Nagelsmann, zitiert über sport.de. „Nix Schlimmes bei Jamal. Das ist relativ normal nach der langen Zeit, dass er muskulär mal was spürt. Dann wurde er gleich behandelt.“ Den Wechsel begründete er mit einem zweiten Motiv: „Wir wollen noch andere Spieler belohnen, die es gut machen, wie Deniz in dem Fall.“
Er hat sich auf jeden Fall sympathisch beschwert bei der Auswechslung: ‚Ich bin noch fit, warum muss ich runter?'
Auch die Reaktionen der Experten kippten innerhalb von 24 Stunden. Jürgen Klopp, der vor dem Turnier in seiner Rolle als RB-Leipzig-Sportchef öffentlich für Musiala-Pausen geworben hatte („Er wird nicht alle Spiele von der ersten bis zur letzten Minute machen können“), gehörte am Sonntagabend zu den Ersten, die Tuchel-Style Anerkennung verteilten - der Telegraph titelte „Jamal Musiala silences critic Jürgen Klopp“, t-online übersetzte: „Musiala bringt Klopp zum Schweigen“. Im WM-Doppelpass auf Sport1 forderte Stefan Effenberg eine klare Linie. „Einen Musiala, der auf dem Weg zu 100 Prozent ist, musst du von Anfang an aufstellen“, sagte der frühere Bayern-Kapitän. „Du musst ihm dieses Vertrauen geben in der Hoffnung, dass er bei dieser WM zum Superstar wird.“
Auf der Zehn hinter Havertz erwartet
Die voraussichtlichen Aufstellungen, die ran, SPOX und heidelberg24 in den vergangenen 48 Stunden veröffentlicht haben, führen Musiala übereinstimmend auf der Zehn hinter Kai Havertz, im kreativen Trio mit Florian Wirtz und Leroy Sané. Geändert hat sich davor wenig: Neuer im Tor, Kimmich rechts, dahinter Tah und Nico Schlotterbeck, links Brown; im Sechserraum Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic. Am Freitag ließ Nagelsmann nach Angaben von t-online aus Rasenschonungsgründen auf dem Nebenplatz des BMO Field trainieren - das Hauptfeld soll für das Spiel am Samstagabend (22:00 MESZ, live ZDF und MagentaTV) frisch bleiben.
Der Gegner kommt angeschlagen nach Toronto. Stürmer Sébastien Haller fehlt, der für die Außenbahn vorgesehene Simon Adingra-Backup Wahi wurde wegen eines Manipulationsverdachts aus dem Kader gestrichen und durfte laut sportschau.de nicht einreisen. Für Deutschland reicht bei einer Wiederholung der ersten Halbzeit gegen Curaçao schon ein Sieg, um das Achtelfinale vor dem letzten Gruppenspiel gegen die USA zu sichern. Was Musiala in der zweiten Hälfte des Auftaktspiels nicht mehr zeigen durfte, soll er nun von Anfang an liefern.