Um 11:02 Uhr Ortszeit hielt Nagasaki am Sonntag inne. Zur Sekunde, in der 1945 die Plutoniumbombe „Fat Man“ über der Stadt detonierte, legten rund 3.700 Menschen im Friedenspark eine Schweigeminute ein. Vertreter aus 98 Staaten sowie der Europäischen Union nahmen an der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag teil, wie die Nikkei Asia berichtet. Die Vereinigten Staaten blieben ohne Botschafter George Glass, entsandt wurde Gesandter Aaron Snipe.

Bürgermeister Shiro Suzuki nutzte die Friedensdeklaration für eine scharfe Abrechnung mit der nuklearen Abschreckungslogik. Atomwaffen seien „kein notwendiges Übel, sondern ein absolutes Übel“ und könnten mit der Menschheit nicht koexistieren, zitierte die Nachrichtenagentur AP aus seiner Rede. Modernisierung und Ausbau der Arsenale nährten „einen Teufelskreis aus wachsendem Misstrauen, Konfrontation und Spaltung“. Suzuki forderte die Regierung in Tokio auf, den Geist der pazifistischen Verfassung sowie die drei Nicht-Atom-Prinzipien zu wahren und im November an der Überprüfungskonferenz zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag teilzunehmen.

Atomwaffen sind kein notwendiges Übel, sondern ein absolutes Übel.
- Shiro Suzuki, Bürgermeister von Nagasaki, Friedensdeklaration

Premierministerin Sanae Takaichi antwortete auf die Ansprache mit demonstrativer Vagheit. Ihr Land halte an den drei Nicht-Atom-Prinzipien fest, erklärte sie, kündigte aber weder eine Teilnahme an der Überprüfungskonferenz im November an noch nannte sie den Vertrag beim Namen. Die Regierung müsse „bedenken, was wirklich wirksam“ für die Sicherheit sei und gleichzeitig „die nukleare Abrüstung realistisch voranbringen“, zitiert die Nikkei aus ihrer Rede. Auf die Frage des 85 Jahre alten Überlebenden Satoshi Tanaka, wie es mit den Prinzipien weitergehe, blieb sie bei der Formel des Festhaltens - ohne sich für die Zukunft festzulegen. Der Auftritt verunsichere die Hibakusha und die Friedensbewegung, notierte Euronews.

Debatte um Japans Nukleardoktrin

Die Zurückhaltung der Ministerpräsidentin passt in eine Debatte, die ihre Regierung seit dem Amtsantritt selbst befeuert. Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi hatte im Vorfeld der Gedenkwoche erklärt, Japan müsse über Atomwaffen „ohne Tabu“ sprechen, wie der Tagesspiegel dokumentiert. Takaichi selbst hat eine Überprüfung der 1967 von Premier Eisaku Sato formulierten drei Prinzipien - keine Herstellung, kein Besitz, keine Stationierung - für dieses Jahr in Aussicht gestellt. Parallel baut Tokio die Offensivfähigkeiten der Streitkräfte aus. Überlebende wie Terumi Tanaka vom Nobelpreisträgerverband Nihon Hidankyo nannten die Vorstöße im Vorfeld „unerhört“.

UN-Generalsekretär António Guterres ließ seine Botschaft von Untergeneralsekretärin Izumi Nakamitsu verlesen. Jahr für Jahr steige das Risiko von Fehlkalkulation, Eskalation und Konflikt, hieß es in dem Text. Weltweit lagerten weiterhin mehr als 12.000 nukleare Sprengköpfe, Sicherheit sei „voneinander abhängig“. Die Vereinigten Staaten als Verantwortliche des Bombenabwurfs benannte auch Guterres nicht - ein Punkt, an dem sich die deutschsprachige Auslandsberichterstattung nach Angaben von Pravda DE bereits am Wochenende festbiss.

Mahnwachen in Berlin und Wolfenbüttel

Auch in Deutschland begleiteten Gedenkveranstaltungen den 9. August. ICAN Deutschland rief am frühen Abend zu einer Mahnwache am Brandenburger Tor auf und forderte den Beitritt der Bundesrepublik zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag; die Evangelische Thomaskirche in Wolfenbüttel widmete ihren Gottesdienst dem Gedenken. Die Zahl der offiziell anerkannten Hibakusha in Japan ist unterdessen auf rund 91.000 gesunken, ein Rückgang um fast die Hälfte gegenüber 2016. Das Durchschnittsalter der Überlebenden liegt inzwischen bei 86,7 Jahren.