Wie wir am Donnerstagmorgen berichteten, hatte Sky Sport zwei Tage nach dem WM-Aus gegen Paraguay einen bröckelnden Rückhalt im DFB-Präsidium für Julian Nagelsmann gemeldet. Am frühen Nachmittag hat sich das Bild konkretisiert. Nagelsmann verließ um kurz vor 13.30 Uhr in einer schwarzen Limousine den DFB-Campus in Frankfurt, wo er zuvor drei Stunden mit Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Andreas Rettig, Sportdirektor Rudi Völler und DFL-Präsident sowie DFB-Vize Hans-Joachim Watzke zusammengesessen hatte. Die Sportschau nennt den Termin ein „Geheimtreffen“, der Verband wollte ihn zunächst nicht bestätigen.
Nach übereinstimmenden Berichten von Sky Sport und Bild wurde dem 38-Jährigen in dem Gespräch nahegelegt, freiwillig zurückzutreten. Sky formuliert, die Verbandsspitze habe Nagelsmann angeboten, „erhobenen Hauptes zu gehen“. Bild schreibt, der Bundestrainer habe Bedenkzeit bekommen, spätestens bis zum Wochenende soll eine Entscheidung fallen. Die Frankfurter Rundschau, sonst zurückhaltend in DFB-Personalien, spricht am Nachmittag von einer „ausgemachten Sache“. Aus der Sitzung selbst dringen keine wörtlichen Zitate; Sky berichtet nur, Nagelsmann sei „eher uneinsichtig“ aufgetreten und habe sein Verständnis der Turnier-Fehler anders geordnet als die Runde ihm gegenüber.
Ich möchte weitermachen. Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man das sagen.
Formell bindet Nagelsmann bis nach der EM 2028 ein Vertrag, den der DFB ihm 2023 im Anschluss an die Verlängerung nach der Heim-EM aufgeschlagen hatte. Neunzigplus rechnet den Anspruch für die verbleibenden zwei Jahre auf bis zu 14 Millionen Euro - die 2024 eingebaute Reißleinenklausel für einen Vorrunden-K.o. greift beim jetzigen Aus im Sechzehntelfinale rechtlich uneindeutig, weil dieses Format bei ihrer Formulierung noch nicht existierte. Für eine einvernehmliche Trennung müsste die 14-köpfige Gesellschafterversammlung der DFB GmbH & Co. KG zustimmen, in der neben Neuendorf, Rettig und Watzke auch mehrere Landesverbandschefs sitzen. Öffentlich unterstützen sie die Linie des Präsidiums bislang; eine Umfrage von Sky am Dienstagabend hatte eine „krachende Mehrheit“ der Zuschauer für den Bundestrainer-Wechsel ergeben.
Klopp analysiert für MagentaTV
Als Nachfolger nennen Sky und t-online.de weiterhin Jürgen Klopp. Der 58-Jährige analysiert das laufende Turnier für MagentaTV aus den USA und ist seit Januar 2025 als „Head of Global Soccer“ bei Red Bull unter Vertrag. Klopp müsste sich freikaufen oder freistellen lassen; nach t-online-Informationen wären beide Wege möglich. Sportdirektor Rudi Völler steht ebenfalls zur Disposition, sein Vertrag läuft bis nach der WM 2026 und wurde bislang nicht verlängert. Auch die Position von Geschäftsführer Andreas Rettig wird laut Sport1 im Präsidium diskutiert; die WM-Vorbereitung im umstrittenen Camp im nordamerikanischen Winston-Salem war eines der Themen der Frankfurter Sitzung.
Nagelsmann hatte einen freiwilligen Rücktritt am Montag im ZDF ausgeschlossen und sich selbst zum Weitermachen bereit erklärt. Ob er nun einlenkt oder auf die formelle Trennung wartet, ist offen. Die nächsten Länderspiele stehen im September in der Nations League an - der DFB muss bis dahin geklärt haben, wer die Elf ins neue Vier-Jahres-Fenster führt. Die kurze Frist, so viel steht nach dem Nachmittag in Frankfurt fest, arbeitet inzwischen gegen den Bundestrainer.