Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko-Stadt rückt eine Aussage von Bundestrainer Julian Nagelsmann in den Vordergrund, die nichts mit Taktik, Aufstellung oder Aztekenstadion zu tun hat. In der ARD-Dokumentation „WM-Wahnsinn und Titelträume“ spricht Nagelsmann erstmals ausführlich über die persönlichen Anfeindungen, die ihn nach seiner Kadernominierung erreicht haben.

„Du wirst niemals allen gerecht werden. Wenn ich zwanzig E-Mails kriege, weil ich einen Kader nominiere, wo drinsteht: Ich wünsche Ihnen baldige Heilung, weil Sie geisteskrank sind, dann finde ich die Kritik ein bisschen schwierig“, sagt der Bundestrainer in dem Film, aus dem unter anderem Sport1 und Eurosport zitieren. Die Aussage hat innerhalb weniger Stunden die Sport-Schlagzeilen in Deutschland geprägt und am Mittwochnachmittag auch die Pressekonferenz im DFB-Quartier Wake Forest in Winston-Salem überlagert.

Wenn ich zwanzig E-Mails kriege, weil ich einen Kader nominiere, wo drinsteht: Ich wünsche Ihnen baldige Heilung, weil Sie geisteskrank sind, dann finde ich die Kritik ein bisschen schwierig.
- Julian Nagelsmann, ARD-Dokumentation „WM-Wahnsinn und Titelträume“

Nagelsmann grenzt in der Doku ausdrücklich sachliche Kritik an seinen Entscheidungen von dem ab, was er als Übergriffe versteht. Die Mails seien keine Auseinandersetzung mit der Nominierung, sondern eine Pathologisierung seiner Person. Das WEB.DE-Magazin fasst die Linie unter dem Satz zusammen, das sei „keine Meinungsfreiheit mehr“, sondern ein Übergriff. Bereits nach Bekanntgabe des 26er-Kaders Ende Mai hatte es laut Spox auf den DFB-Kanälen Tausende kritischer Kommentare gegeben, vor allem zur Nichtnominierung von Mats Hummels und zum Verzicht auf Niclas Füllkrug.

Schlotterbeck spricht über das Echo seit Katar

Neben Nagelsmann kommt in der Doku auch Innenverteidiger Nico Schlotterbeck zu Wort, der über die Folgen der WM in Katar 2022 spricht. „Das mediale Echo kann mit einem viel machen. Nach der WM in Katar hatte ich lange damit zu kämpfen, das macht was mit einem Menschen. Das hat mich über Tage, Wochen, Monate verfolgt. Aber ich bin als Mensch gereift“, zitiert ihn das Sport-Portal Ran. Der Dortmunder gehört im Turnier zur erweiterten Stammelf, nachdem die Generalprobe gegen die USA in Chicago aus DFB-Sicht überzeugend verlief.

Die Veröffentlichung trifft den Bundestrainer in einer ohnehin angespannten Phase. Mit dem Ausfall von Manuel Neuer, dem WM-Aus des 17-jährigen Lennart Karl nach Muskelbündelriss und der Nachnominierung von Assan Ouédraogo ist der Kader in den letzten zwei Wochen mehrfach umgebaut worden. Am Sonntagabend mitteleuropäischer Zeit eröffnet die DFB-Auswahl im Houstoner NRG Stadium ihr Turnier gegen Curaçao.

Nagelsmanns Hinweis auf Hassmails reiht sich ein in eine längere Debatte über die Tonlage in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit, die seit dem Achtelfinal-Aus 2024 immer schärfer geführt wird. Wie zuletzt im Vorfeld der EM 2024 ist der Bundestrainer offenbar nicht das einzige Ziel: Spox berichtet, dass mehrere DFB-Verantwortliche unabhängig voneinander beleidigende Mails erhalten haben sollen, ohne weitere Namen zu nennen.