Wenige Tage bevor das DFB-Präsidium eine Entscheidung über die Zukunft von Julian Nagelsmann fällen will, rückt eine bisher wenig beachtete Passage im Bundestrainer-Vertrag ins Zentrum: die sogenannte Reißleinenklausel. Sie sollte dem Verband nach einem sportlichen Debakel eine günstige Trennung erlauben, greift nach heutigem Kenntnisstand aber nur bei einem Ausscheiden in der Vorrunde. Da Deutschland erst im neu geschaffenen Sechzehntelfinale gegen Paraguay verlor, könnte den DFB im Fall einer Kündigung eine Abfindung von bis zu 14 Millionen Euro treffen, wie das Fachportal neunzigplus.de am Mittwoch berichtete.

Die Klausel stammt aus der Vertragsverlängerung vom Frühjahr 2024, mit der Nagelsmann seine Zusammenarbeit mit dem DFB bis nach der EM 2028 verlängerte. Sport1 hatte damals aus dem neuen Papier zitiert, dass eine leistungsbezogene Ausstiegsoption für den Fall eines sportlichen Fehlschlags eingebaut worden sei. Als Fehlschlag definierte die Vertragsformel das Aus in der Gruppenphase - ein Szenario, das der bis dahin gültige WM-Modus mit 32 Mannschaften vorsah. Bei der WM 2026 in Nordamerika spielen aber erstmals 48 Teams; nach den zwölf Vierergruppen folgt mit dem Sechzehntelfinale eine zusätzliche K.-o.-Runde. Genau dort schied Deutschland am Montag aus.

Juristisch ist deshalb unklar, ob die für die Gruppenphase gedachte Klausel auf dieses Szenario überhaupt anwendbar ist.
- neunzigplus.de, 1. Juli 2026

Zieht der DFB die Reißleine trotzdem, riskiert er einen langwierigen Rechtsstreit mit Nagelsmanns Beratern. Verhandelt er die Auflösung frei, muss er nach Angaben von neunzigplus.de und watson.ch die volle Restlaufzeit bezahlen: Bei einem Jahresgehalt von etwa sieben Millionen Euro summiert sich das bis zur EM 2028 auf rund 14 Millionen. Für die dritte Option, das Weitermachen, schwindet der Rückhalt im Präsidium schnell. Sky Sport meldete am Dienstag, die Unterstützung für den 38-Jährigen bröckle nach dem Sechzehntelfinal-Aus deutlich.

Erschwerend kommt hinzu, dass eine mögliche Nachfolgelösung den Verband ebenfalls Millionen kosten würde. Sky Sport berichtete am Dienstag, Jürgen Klopp stehe grundsätzlich bereit - der frühere Liverpool-Trainer arbeitet seit Januar 2025 als Head of Global Soccer bei Red Bull und hat dort einen Vertrag bis Ende 2029. Ein Wechsel nach Frankfurt bräuchte eine Ablöse oder eine Freigabe. Die neue Ausrüsterpartnerschaft mit Nike, die dem DFB nach übereinstimmenden Medienberichten rund 100 Millionen Euro pro Jahr einbringt, schafft zwar finanziellen Spielraum. Doch die parallele Zahlung einer Nagelsmann-Abfindung und eines Klopp-Handgelds wäre nach einem sportlich enttäuschenden Turnier auch eine kommunikative Belastung.

Rücktritt kostet Nagelsmann Millionen

Der einfachste Ausweg für den DFB wäre der Rücktritt Nagelsmanns. Damit würde der Bundestrainer laut neunzigplus.de auf seine Abfindung verzichten, hätte den Verband aber aus der finanziellen Klemme befreit. Genau diese Option hat Nagelsmann in der Nacht zum Dienstag in Foxborough allerdings ausgeschlossen. „Ich bin auf jeden Fall keiner, der wegläuft“, sagte er nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen Paraguay. Im Interview mit MagentaTV ergänzte er: „Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man mir das sagen.“

Bis Ende der Woche will DFB-Präsident Bernd Neuendorf laut Sky Sport eine Entscheidung herbeiführen. In seiner ersten Stellungnahme nach dem WM-Aus hatte er am Dienstagabend angekündigt, „nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“ zu wollen. Was er dabei nicht sagte: Ohne Nagelsmanns Zustimmung wird jede Trennung teuer. Mit der Reißleinenklausel hat der DFB im Frühjahr 2024 genau die Regel geschrieben, die ihn nun einholt.