Die NATO bereitet nach Angaben von Generalsekretär Mark Rutte konkrete Pläne für einen Ausbau ihrer atomaren Abschreckung in Europa vor. In einem Mitte Juli geführten Interview mit der Deutschen Presse-Agentur, das am Freitag veröffentlicht wurde, schloss der Niederländer nicht aus, dass künftig zusätzliche US-Atomwaffen auf dem Kontinent stationiert werden. Auslöser sei die veränderte Sicherheitslage durch Russland.
„Wo immer wir Anpassungen vornehmen müssen, werden wir dies tun“, sagte Rutte der Nachrichtenagentur. Details wollte er aus Geheimhaltungsgründen nicht nennen. Zugleich betonte er: „Wir müssen sicherstellen, dass uns niemand mit Atomwaffen angreifen kann, ohne dass wir in der Lage wären, darauf zu antworten.“ Der nukleare Schutzschirm der Vereinigten Staaten bleibe die letzte Sicherheitsgarantie des Bündnisses.
Nach Schätzungen von Atomwaffenexperten lagern derzeit rund 100 US-Bomben vom Typ B61-12 auf sechs Fliegerhorsten der NATO in Deutschland, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Türkei. Der deutsche Standort ist Büchel in Rheinland-Pfalz, wo im Rahmen der nuklearen Teilhabe Tornado-Jets der Bundeswehr im Ernstfall Sprengköpfe zum Ziel bringen könnten.
Für möglich halten Experten, dass ein Teil dieser Waffen bereits auf den britischen Luftwaffenstützpunkt RAF Lakenheath verlegt wurde. Als weitere potenzielle Stationierungsorte werden bei einer Zuspitzung der Lage Polen, Finnland und Litauen genannt. Alle drei Staaten grenzen unmittelbar an Russland oder Belarus.
Uns fehlt es eindeutig an einer ausreichenden Zahl von Waffen.
Der Atomwaffenexperte Robert Peters von der konservativen US-Denkfabrik Heritage Foundation empfahl gegenüber der dpa die Stationierung von zusätzlich 100 bis 150 nichtstrategischen Sprengköpfen in Europa binnen der kommenden zwei Jahre. Zurückhaltender äußerte sich Jim Stokes, früher Nuklearreferent im NATO-Hauptquartier. Neue Fähigkeiten unterstütze er als Signal amerikanischer Bündnistreue, einen zahlenmäßigen Gleichstand mit Russland halte er aber nicht für nötig.
Erste politische Erklärung seit fast 20 Jahren
Bereits im Juni 2026 hatte die Nukleare Planungsgruppe der NATO in einer Erklärung angekündigt, ihre nuklearen Kapazitäten zu modernisieren und die Abschreckungsdoktrin anzupassen. Es war die erste politische Erklärung dieses Formats seit fast zwei Jahrzehnten. Die dpa zitierte Rutte mit dem Hinweis, dass Entscheidungen im Bündnis nur einstimmig fielen; keiner der 32 Mitgliedstaaten könne überstimmt werden.
Der einzige deutsche Teilhabe-Standort ist der Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz. Von dort könnte die Bundeswehr im Ernstfall B61-12-Bomben einsetzen. Eine offizielle Reaktion des Bundesverteidigungsministeriums auf Ruttes Interview lag am Freitagvormittag zunächst nicht vor.