Ein Erdbeben der Stärke 4,7 hat am Freitagabend die Region westlich von Neapel erschüttert. Das Epizentrum lag laut dem italienischen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) in den Phlegräischen Feldern, dem größten aktiven Supervulkangebiet Europas. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa handelt es sich um das stärkste Beben in dem Gebiet seit rund 40 Jahren. Der italienische Zivilschutz sprach am späten Abend von 21 Verletzten, zwei davon schwer.
Der Erdstoß ereignete sich um 19.46 Uhr Ortszeit. Etwa eine Stunde später wurde nach INGV-Angaben ein Nachbeben mit Stärke 2,6 registriert. Besonders schwere Schäden meldete die Hafenstadt Pozzuoli, wo Videos in sozialen Netzwerken einen massiven Felssturz zeigten - große Gesteinsbrocken lösten sich von einem Hang und beschädigten mehrere geparkte Fahrzeuge, wie der Schweizer Sender „SRF“ berichtete. Im Stadtteil Agnano knickte laut „t-online“ ein Hochspannungsmast teilweise ein und löste großflächige Stromausfälle in Fuorigrotta und Bagnoli aus. Der Hafen Pozzuoli, von dem täglich mehr als 40 Fährverbindungen nach Ischia und Procida ablegen, blieb wegen tiefer Risse in den Zufahrten bis auf weiteres gesperrt.
Bradyseismus in aktiver Phase
Die Phlegräischen Felder sind seit Jahren von einem Phänomen betroffen, das Vulkanologen als Bradyseismus bezeichnen - eine langsame Hebung und Senkung des Bodens infolge aufsteigender Fluide und Gase unter dem Krater. Die Erdbebenserie in der Region hat in den vergangenen Monaten spürbar zugenommen; das Freitagabend-Beben ist nach Ansa-Angaben aber ein Ausreißer nach oben. Der Erdstoß war bis in die Innenstadt von Neapel sowie auf den vorgelagerten Inseln Ischia und Procida deutlich zu spüren.
Züge gestoppt, Fassaden gestürzt
Der Bahnverkehr in Neapel wurde nach Angaben von „SRF“ für eine Kontrolle der Gleise vorübergehend eingestellt; sowohl Regional- als auch Hochgeschwindigkeitszüge waren betroffen, der Betrieb wurde später wieder aufgenommen. Die Feuerwehr rückte zu zahlreichen Einsätzen aus, unter anderem um mehrere in Aufzügen eingeschlossene Personen zu befreien. In mehreren Wohnhäusern lösten sich Fassadenteile, Gesimse und Deckenverputz; einzelne Gebäude in Pozzuoli wiesen laut italienischen Medien größere Risse auf. Einige Familien verbrachten die Nacht auf der Straße oder in ihren Fahrzeugen.
Historisch hat es in den Phlegräischen Feldern seit dem Ausbruch des Monte Nuovo im Jahr 1538 keine große explosive Eruption mehr gegeben. Vulkanologen halten einen bevorstehenden Ausbruch weiterhin für unwahrscheinlich, weil die aktuell aufsteigenden Fluide nicht auf junges Magma hindeuten. Die Bevölkerung der Region wird jedoch seit Monaten auf mögliche Evakuierungsszenarien vorbereitet. Die Direktorin des Vesuv-Observatoriums, Lucia Pappalardo, warnte gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa, dass in den kommenden Tagen weitere Erdstöße folgen könnten.