Um 11.35 Uhr fällt in Birmingham der Startschuss über 100 Meter, mit ihm beginnt für Leo Neugebauer die letzte offene Baustelle in seiner Medaillensammlung. Der Zehnkampf-Weltmeister von Tokio geht am Mittwoch als Topfavorit in die zweitägige Königsdisziplin der Leichtathletik-EM. An seiner Seite: Niklas Kaul, der seit dem EM-Titel 2022 in München auf ein weiteres Edelmetall bei einer großen Meisterschaft wartet. Dritter im deutschen Trio ist der 21 Jahre alte Amadeus Gräber.

Der 26-jährige Neugebauer sammelt Titel und Medaillen seit zwei Jahren im Halbjahrestakt. Nach Olympia-Silber 2024 in Paris und WM-Gold 2025 in Tokio fehlt nur noch die EM-Krone, wie er gegenüber Eurosport erklärte: „Darauf liegt mein voller Fokus.“ Sein Selbstvertrauen speist sich aus einer stabilen Saison; beim Traditionsmeeting in Götzis lieferte er im Frühjahr 8730 Punkte, sein deutscher Rekord steht bei 8961 Zählern.

„Das Selbstvertrauen stimmt, daher gehe ich mit sehr viel Zuversicht in die EM.“
- Leo Neugebauer gegenüber Eurosport

Die Schallmauer von 9000 Punkten steht ganz oben auf Neugebauers Bucketlist. Dass sie in Birmingham falle, wolle er nicht versprechen. „Die sind definitiv irgendwann fällig. Da bin ich sehr zuversichtlich. Man kann nicht wirklich im Voraus ankündigen, wann es klappt“, zitiert ihn die Sportschau. Der Zehnkampf verlangt Verlässlichkeit über zehn Disziplinen und zwei Tage - eine kleine Schwäche bei Hochsprung oder Speer kann den Titel kosten.

Kaul jagt Anschluss an München

Für Niklas Kaul hat die EM eine andere Bedeutung. Der Weltmeister von 2019 aus Doha holte 2022 in München EM-Gold, seither läuft er der eigenen Formkurve hinterher. In Götzis brachte er 8528 Punkte ins Ziel, in Birmingham reicht das erfahrungsgemäß für einen Platz auf dem Podest, wenn nichts Größeres schiefgeht. Neugebauer selbst wünscht sich einen deutschen Doppelerfolg: „Europa ist im Zehnkampf der stärkste Kontinent. Daher gibt es viele Top-Leute. Dazu gehört auch Niklas Kaul. Wenn wir beide zwei Medaillen für Deutschland holen könnten, wäre das krass“, sagte er Eurosport.

Das internationale Feld hilft dem deutschen Duo. Norwegens Olympiasieger Markus Rooth ist ebenso nicht am Start wie der Schweizer Simon Ehammer, der Weit- und Zehnkampf-Spezialist. Titelverteidiger Johannes Erm aus Estland führt daher das gegnerische Aufgebot an, dahinter kommen laut ZDFheute der Norweger Sander Skotheim, der Este Karel Tilga und der Franzose Makenson Gletty als aussichtsreichste Herausforderer in Frage.

Zeitplan: Zwei Tage, zehn Disziplinen

Der Wettkampf verteilt sich klassisch auf zwei Tage. Am Mittwoch stehen ab 11.35 Uhr die 100 Meter an, es folgen Weitsprung (12.20), Kugelstoßen (13.40), Hochsprung (19.40) und die 400 Meter um 22.22 Uhr. Am Donnerstag stehen 110 Meter Hürden, Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und zum Abschluss um 22.10 Uhr die 1500 Meter auf dem Programm, die häufig über die Medaillen entscheiden. Die ARD überträgt Tag eins, das ZDF ist am Donnerstag zuständig, das komplette Feld läuft parallel auf Eurosport.

Für Neugebauer geht es damit nicht nur um Platz eins, sondern um den Beweis, dass er auch abseits der WM-Bühne konstant liefert. Für Kaul steht auf dem Spiel, wieder in die absolute europäische Spitze vorzurücken. Für die deutsche Leichtathletik-Delegation ist der Zehnkampf die vielleicht beste Chance auf Gold in Birmingham.