Neymar hat am Sonntagabend seine Länderspielkarriere beendet. Unmittelbar nach dem 1:2 im WM-Achtelfinale gegen Norwegen sagte der 34-Jährige im brasilianischen Fernsehen: „Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist es zu Ende. Hier habe ich es begonnen, hier habe ich aufgehört.“ Der Ort des Abschieds war das MetLife Stadium in East Rutherford - dasselbe Stadion, in dem Neymar am 10. August 2010 mit 18 Jahren sein Debüt für die Seleção gegeben hatte.

Der Rücktritt kam Minuten nach dem Schlusspfiff. Neymar war in der 67. Minute für Andreas Pereira eingewechselt worden und hatte in der zehnten Minute der Nachspielzeit noch per Elfmeter den Anschlusstreffer erzielt - sein 80. Länderspieltor, mehr als Pelé je erzielt hat. Danach brach er auf dem Rasen zusammen, Kapitän Raphinha versuchte ihn zu trösten. „Ich brach nach der Niederlage im Final-Stadion in Tränen aus“, beschrieb Neymar die Szene in seinem Statement. Bilder des Weinens gingen um die Welt, bevor er sich vor den Kameras zur Entscheidung durchrang.

Sportlich schließt sich damit ein Kapitel, das seit dem Sommer 2010 sechzehn Jahre umspannt hatte. 130 Länderspiele, 80 Tore, Torschützenkönig der Seleção-Historie vor Pelé - und mit dem späten Elfmeter am Sonntag zugleich erst der zweite Brasilianer nach Pelé, der in vier verschiedenen Weltmeisterschaften traf. Titel: Copa América 2019, olympisches Gold 2016, Confed-Cup 2013. Die WM aber, das große Ziel, blieb aus. In Südafrika 2010 saß Neymar noch nicht im Kader, in Brasilien 2014 zerbrach er sich beim 1:7 gegen Deutschland den Rücken, 2018 und 2022 folgten Aus im Viertelfinale, 2026 nun das Achtelfinale gegen Norwegen.

Ancelottis Wagnis und die Comeback-Rechnung

Nationaltrainer Carlo Ancelotti hatte Neymar für dieses Turnier nachnominiert, obwohl der Angreifer seit Ende 2023 nicht mehr für Brasilien gespielt hatte. Eine hartnäckige Wadenverletzung am rechten Bein zwang ihn während des Turniers zu Pausen; nur zwei der fünf brasilianischen Spiele bestritt er - das letzte Gruppenspiel gegen Schottland und das Aus gegen Norwegen. Kapitän Marquinhos verteidigte die Personalie am Sonntagabend gegenüber der Sportschau und nutzte den Moment für einen Blick nach vorn: „Wir bitten die Menschen, mit der neuen Generation Geduld zu haben und sie zu unterstützen.“ Ancelotti selbst ließ sich zu Neymars Ankündigung öffentlich nicht ein, sagte aber zur allgemeinen Lage: „Wir waren bei dieser WM nicht besonders spektakulär, aber es gab gute Leistungen.“

Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist es zu Ende. Hier habe ich es begonnen, hier habe ich aufgehört.
- Neymar, gegenüber Globo Esporte im MetLife Stadium

Die brasilianische Presse begleitete den Moment nüchtern. O Globo titelte am Montag „Ist das das Hexa? Brasilien scheidet zum sechsten Mal in Folge bei einer WM aus.“ Der Titel spielt auf die ausbleibende sechste Weltmeisterschaft an - Brasiliens letzter Titel liegt inzwischen 24 Jahre zurück, 2002 in Yokohama. Neymars Bilanz zwischen Rekord und Sehnsucht - erster Torschützenkönig der Seleção, aber kein WM-Titel - dürfte in den kommenden Tagen die Debatten prägen. Die von Marquinhos angesprochene neue Generation - Vinícius Júnior, Rodrygo, Endrick, dazu Saibari, der schon in der Gruppenphase gegen Marokko traf - steht ab kommendem Jahr in der WM-Qualifikation für Südamerika 2030 in der Verantwortung.

Wo Neymars Karriere im Klubfußball weitergeht, ist offen. Sein Vertrag beim FC Santos, wohin er im Januar 2025 aus Saudi-Arabien zurückgekehrt war, läuft im Sommer aus. Nach dem Turnier wolle er zunächst „nachdenken“, sagte er der Sportschau in einer kurzen Interviewsequenz nach Mitternacht Ortszeit. Der Rücktritt aus der Seleção sei „endgültig“. Zuvor hatte er noch einen Blick zurück auf das Stadion geworfen, in dem alles begann - und endete.