Es war der erste Treffer der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2026, und er kam in der 6. Minute: Felix Nmecha verwertete eine Vorlage von Florian Wirtz zum 1:0 gegen Curaçao. Am Ende stand ein 7:1, doch das Bild, das aus dem NRG Stadium in Houston am breitesten in die deutschen Newsfeeds wanderte, entstand nach dem Schlusspfiff. Nmecha sammelte gemeinsam mit Jonathan Tah drei Spieler Curaçaos auf dem Rasen, Arm in Arm, Köpfe zusammen - ein Gebetskreis.
„Wir sind im Spiel Gegner, aber nach dem Spiel sind wir alle Christen, sind wir Brüder“, erklärte der 25-Jährige in der ARD nach dem Abpfiff. „Dann haben wir einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht, weil wir sind immer noch sehr dankbar.“ Den Hintergrund lieferte Nmecha gleich mit: „Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus feierlich wirkt durch das Spiel und deshalb sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet.“ Auf Instagram setzte er nach dem Spiel ein „Danke, Jesus“ unter die Spielfotos.
Bei der Anreise zum Stadion war Nmecha laut t-online mit einer Bibel in der Hand aus dem DFB-Bus gestiegen. Der Dortmunder ist Aushängeschild von „Ballers in God“, einem Zusammenschluss evangelikaler Fußballprofis, und thematisiert seinen Glauben seit Jahren öffentlich. In Houston traf er auf eine Mannschaft, in der nach Angaben des Bundesligisten ähnliche Glaubensgemeinschaften unter den Spielern verbreitet sind.
Wir sind im Spiel Gegner, aber nach dem Spiel sind wir alle Christen, sind wir Brüder.
Eine Geschichte, die Dortmund 2023 fast einen Kauf gekostet hätte
Den Glauben Nmechas zu trennen von der Kritik, die ihn seit Jahren begleitet, fällt schwer. 2023, kurz vor seinem 30-Millionen-Wechsel vom VfL Wolfsburg zu Borussia Dortmund, hatte Nmecha auf Instagram Inhalte des US-Kommentators Matt Walsh geteilt und einen Beitrag verbreitet, in dem die LGBTQI-Bewegung mit dem Teufel verglichen wurde. In Dortmunder Fankreisen formierte sich offener Protest gegen die Verpflichtung, der DFB kündigte an, vor der nächsten Nominierung „das Gespräch mit Felix“ zu suchen. Nmecha distanzierte sich anschließend von Walsh: „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich der Mehrheit von Walshs Aussagen widerspreche“, schrieb er und ergänzte, er sei „nicht ansatzweise“ homophob oder transphob.
Ein Jahr später kam der nächste Vorfall: Nach dem Tod des US-Aktivisten Charlie Kirk verfasste Nmecha 2024 zunächst einen Nachruf, überarbeitete ihn, löschte ihn schließlich. Der BVB teilte damals mit, man werde „den Dialog mit dem Spieler suchen“. Watson zitiert aus Nmechas damaliger Stellungnahme: „Es ist wichtig, klar zu sagen: Ich liebe alle Menschen und diskriminiere niemanden. Gottes Liebe ist für alle.“ Im März 2025 verlängerte der Mittelfeldspieler seinen Vertrag in Dortmund bis 2030 zu rund zehn Millionen Euro Jahresgehalt.
Für Nagelsmann ist die Personalie längst entschieden
Sportlich war Nmechas WM-Tor die Bestätigung einer Entwicklung, die Bundestrainer Julian Nagelsmann seit dem Frühjahr forciert hat. Der 25-Jährige war nach einer langwierigen Knieverletzung mit den ersten Bundesligaspielen 2025 zurück in der Startelf, blieb gesetzt und reiste mit dem DFB-Kader nach Chicago und Houston. „Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass Nmecha einmal nicht mehr aus dieser Mannschaft wegzudenken ist“, schrieb Reviersport am Sonntag.
Der nächste Auftritt steht am Donnerstag in Atlanta gegen die Elfenbeinküste an. Die Bilder vom Gebetskreis dürften bis dahin in Talkshows und sozialen Netzwerken nachhallen. Für Nmecha selbst, der in seinen Interviews stets zwischen Tor, Trikot und Bibel wechselt, ist der Modus klar: Jesus wirke feierlich durch das Spiel.