Vor 40 Jahren, in der Nacht zum 21. August 1986, stieg aus dem Nyos-See im Nordwesten Kameruns eine unsichtbare Kohlendioxidwolke auf und tötete in den umliegenden Dörfern innerhalb weniger Stunden mehr als 1.700 Menschen. Zum Jahrestag haben Überlebende und lokale Vereinigungen der Toten gedacht - und daran erinnert, dass viele Opfer bis heute kein Grab und die Region kein nationales Denkmal hat. Der See selbst gilt inzwischen dank jahrelanger Entgasungsarbeiten als weitgehend entschärft.
Der Nyos-See ist ein Kratersee im Oku-Vulkangebiet, 208 Meter tief und damit im Verhältnis zu seiner Fläche ungewöhnlich tief geschichtet. In den kalten Tiefenschichten sammelte sich über Jahrhunderte magmatisches Kohlendioxid, das unter dem Druck von rund 20 bar in Konzentrationen gelöst blieb, die an der Oberfläche undenkbar wären. Ausgelöst vermutlich durch einen kleineren Erdrutsch oder ein leichtes Beben, kippte die stabile Schichtung in jener Augustnacht plötzlich um: Zwischen 100.000 und 300.000 Tonnen CO2 entgasten binnen Minuten, wie das US-Fachmagazin Eos in seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung zum 30. Jahrestag festhielt.
Die Wolke stieg zunächst mit hoher Geschwindigkeit auf, sank dann als schwereres Gas in die Täler und folgte den Flussläufen bis zu 25 Kilometer weit. Wer schlief, wachte nicht mehr auf. Von den rund 800 Einwohnern des Dorfes Nyos überlebten laut den Recherchen des Nachrichtenportals gmx.net nur sechs. Insgesamt starben nach Zählung der kamerunischen Nachrichtenagentur Bareta 1.746 Menschen sowie etwa 3.500 Rinder.
In diesem Jahr soll die Entgasung des akkumulierten Kohlendioxids abgeschlossen werden.
Vom Rätsel zum Standardfall der Vulkanologie
Die Katastrophe war 1986 wissenschaftliches Neuland. Zunächst stritten Forscher, ob eine vulkanische oder eine sogenannte limnische Eruption die Gaswolke ausgelöst hatte - also ein Umkippen des Sees selbst, ohne direkte magmatische Aktivität. Auf einer Konferenz in Yaoundé im März 1987 gründete sich die International Working Group on Crater Lakes, die sich seither systematisch mit Gasseen befasst. Ein Vorfall am nahe gelegenen Monoun-See hatte bereits 1984 rund 37 Menschen getötet und war lange unerklärt geblieben.
Die Gegenmaßnahmen zogen sich über Jahre. Erste Versuche zur kontrollierten Entgasung begannen 1990, ein erster Testlauf gelang 1995. Im Januar 2001 nahm das erste dauerhafte Entgasungsrohr den Betrieb auf - eine 200 Meter lange Leitung, die tiefes CO2-gesättigtes Wasser als 46 Meter hohe Fontäne an die Oberfläche befördert. 2011 kamen zwei weitere Rohre hinzu. Der benachbarte Monoun-See gilt seit 2009 als entgast, der Nyos-See erreichte 2019 CO2-Werte, die als unbedenklich eingestuft werden. Der Damm, der den See stabilisiert, wurde parallel mit Beton-Injektionstechnik verstärkt.
Umgesiedelt, entschädigt - vieles davon nur auf dem Papier
Für die Überlebenden ist die Bilanz düsterer. Die kamerunische Regierung ließ die betroffenen Dörfer abreißen und siedelte Tausende in Lager um, die teilweise mehr als 25 Kilometer vom See entfernt liegen. Zugesagte Entschädigungen, neue Häuser und Aufbauhilfen wurden laut der Berichterstattung von web.de und gmx.net nur in Teilen umgesetzt. Das Portal Bareta zitiert Überlebendenvertreter mit der Frage: „Wo ist das offizielle Denkmal für die 1.746 Opfer?“ - vier Jahrzehnte nach der Katastrophe fehlt am Ort selbst jede nationale Gedenkstätte.
Auch die Rückkehr an den See bleibt schwierig. Der seit 2016 andauernde Ambazonia-Konflikt in der englischsprachigen Nordwestregion hat die Infrastruktur der Region weiter geschwächt und den Zugang für Wissenschaftler wie für Angehörige erschwert. Was bleibt, ist eine Fallgeschichte, die Vulkanologen weltweit prägt: Der Nyos-See ist der Grund, warum Kraterseen mit magmatischem CO2-Eintrag heute systematisch überwacht werden - vom ostafrikanischen Grabenbruch bis zu vergleichbaren Kandidaten in Indonesien.