Russland hat am Sonntagabend nach ukrainischen Angaben einen Getreidefrachter vor der Küste von Odessa beschossen. Nach Darstellung der ukrainischen Seestreitkräfte trafen drei Marschflugkörper vom Typ Ch-59/Ch-69 das unter der Flagge Guinea-Bissaus fahrende Schiff „Golden Leo“, das gerade das Kampfgebiet im Schwarzen Meer verließ. Der türkische Eigner hatte an Bord 17 Seeleute aus Indien und Syrien sowie einen ukrainischen Lotsen. Der Frachter geriet nach dem Einschlag in Brand.

Nach der offiziellen Opferbilanz von Infrastrukturminister Mykola Kalaschny sind mindestens sechs Besatzungsmitglieder gestorben, vier gelten als vermisst. Acht Seeleute konnten gerettet und in ein Krankenhaus im Hafen von Odessa gebracht werden, zwei von ihnen sind verletzt. Zu den Toten zählt laut Außenminister Andrij Sybiha auch der ukrainische Lotse. Ukrainische Behörden nannten später auch höhere Zahlen; die Bilanz bleibt vorläufig, weil die Bergungsarbeiten in der Nacht andauerten.

Kiew spricht von Terrorakt, Moskau von Treibstofflager

Die ukrainische Marine bezeichnete den Angriff als „einen weiteren gezielten Angriff Russlands gegen ein unbewaffnetes ziviles Schiff unter fremder Flagge“ und sprach von einem „Terrorakt“ gegen die zivile Schifffahrt sowie einem Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Russland stellt den Vorfall anders dar: Nach Angaben der Agentur Interfax habe man Treibstofflager im Hafen von Odessa getroffen, nicht das Schiff selbst. Moskau wirft Kiew zudem regelmäßig vor, sich unter dem Deckmantel ziviler Frachter Waffen liefern zu lassen.

Das ist ein weiterer gezielter Angriff Russlands gegen ein unbewaffnetes ziviles Schiff unter fremder Flagge.
- Ukrainische Marine, Mitteilung vom 19. Juli 2026

Der Beschuss reiht sich in eine Serie russischer Angriffe auf die ukrainische Getreidelogistik am Schwarzen Meer ein. Zwischen dem 11. und 15. Juli hatte Moskau nach Angaben ukrainischer Behörden bereits die Häfen von Odessa, Tschornomorsk und Piwdennyj sowie Ismail an der Donau angegriffen; erstmals seien dabei auch Handelsschiffe unter fremder Flagge, darunter aus Tansania und Liberia, direkt getroffen worden. Der Angriff auf die „Golden Leo“ ist der bislang folgenschwerste in dieser Serie.

Für die internationale Getreidelogistik ist der Vorfall ein Alarmsignal. Rund 60 Prozent der ukrainischen Agrarexporte laufen über die Schwarzmeerhäfen. Nach dem Ende des von den Vereinten Nationen und der Türkei vermittelten Getreideabkommens im Sommer 2023 hat Kiew einen eigenen Seekorridor entlang der rumänischen und bulgarischen Küste organisiert, den Handelsschiffe seither überwiegend nutzen. Von türkischer Seite gab es zunächst keine offizielle Reaktion auf den Angriff auf das im Land beheimatete Schiff.