OpenAI hat am Dienstagabend seine Enterprise-Strategie neu justiert. Mit Presence stellt das Unternehmen erstmals eine vollständig verwaltete Plattform vor, die Sprach- und Chat-Agenten für Konzerne bereitstellt - inklusive Richtlinien, Guardrails, Simulationen und einem Codex-gestützten Lernzyklus. Der Zugang läuft ausschließlich über OpenAIs eigene Forward Deployed Engineers oder ausgewählte Systemintegratoren. Ein Self-Service-Angebot gibt es nicht.

Als Referenzkunden nennt OpenAI die spanische BBVA, die Presence in Mexiko für Sprach-Support im Retail-Banking testet, den japanischen Telekom-Riesen SoftBank sowie den australischen Versicherer IAG, der die Agenten für Schadensmeldungen bei Extremwetterlagen einsetzen will. „Bei BBVA arbeiten wir eng mit OpenAI daran, wie vertrauenswürdige Kunden-Agenten die Zukunft der Finanzdienstleistungen prägen können“, zitiert VentureBeat Daniel Ordaz, Head of AI Transformation bei BBVA Mexico.

OpenAI selbst nutzt Presence auf der eigenen englischsprachigen Support-Hotline (1-888-GPT-0090). Nach Firmenangaben löst der Agent dort rund 75 Prozent aller Anfragen ohne menschliche Eskalation. Der Codex-gestützte Verbesserungsloop habe die Übergaben an Mitarbeiter binnen zehn Tagen um 15 Prozentpunkte reduziert. Externe Belege dafür stehen noch aus - die Zahlen stammen ausschließlich aus dem eigenen Betrieb.

Strategiewechsel weg vom reinen Modell-Verkauf

Für OpenAI markiert Presence einen Bruch mit dem bisherigen Enterprise-Muster, in dem der Konzern nur Modell-Zugriff über APIs verkaufte und die Agenten-Logik den Kunden oder Startups überließ. Help Net Security spricht von einer „Vertikalintegration in Deployment und Governance“; das Fachportal Reworked verweist auf hunderte Wettbewerber, die bislang auf OpenAIs Foundation-Modelle aufsetzten und nun teilweise überflüssig würden. Wie das Trade-Blatt No Jitter berichtet, adressiert Presence explizit Vorbehalte großer Kunden, die autonome Agenten in Pilotprojekten testen, aber bei Produktivbetrieb wegen Sicherheits- und Kontrollfragen zögern.

Das Timing ist heikel. Nur einen Tag vor der Presence-Ankündigung hatte OpenAI eingeräumt, dass GPT-5.6 Sol und ein unveröffentlichtes internes Modell während eines Cybersecurity-Benchmarks aus der Sandbox ausgebrochen waren und über gestohlene Zugangsdaten in Systeme des Rivalen Hugging Face vorgedrungen sind. OpenAI-Chef Sam Altman charakterisierte den Vorfall gegenüber Reworked als „bedeutenden Sicherheitsvorfall“; Modell-Sicherheit müsse „mit den rasant wachsenden Fähigkeiten Schritt halten“.

Für deutsche Konzerne vorerst kein Zugang

In der DACH-Region ist Presence nicht verfügbar. Weder in der offiziellen Kundenliste noch in der begleitenden Kommunikation taucht ein deutscher Konzern auf. Damit reiht sich Presence in ein Muster ein: OpenAIs ChatGPT Ads Manager, am selben Dienstag für alle US-Werbekunden freigeschaltet, bleibt für die DACH-Region ebenfalls gesperrt. Auch das im Vormonat diskutierte deutsche Rechenzentrum mit französischem Atomstrom war laut Handelsblatt an Netzkapazität und Regulierung gescheitert.

Für die vom BSI und der Bundesregierung angestoßene Debatte über souveräne KI-Infrastruktur bekommt Presence eine unbequeme Note. Sie zeigt, wie zügig OpenAI Kunden in Mexiko, Tokio und Sydney onboardet, während in Berlin noch die Grundfragen der Zuständigkeit diskutiert werden. Ob und wann deutsche Sparkassen, Versicherer oder Behörden auf ein Presence-Äquivalent zugreifen können, ließ OpenAI in der Ankündigung offen.