OpenAI hat der Bundesregierung im vergangenen Herbst ein KI-Rechenzentrum von bis zu einem Gigawatt Leistung in Deutschland in Aussicht gestellt - unter der Bedingung, den Strom aus französischen Atomkraftwerken beziehen zu dürfen. Das berichtet das Handelsblatt und beruft sich auf mehrere mit den Gesprächen vertraute Personen. Konzernchef Sam Altman führte demnach seit dem 24. September 2025 vertrauliche Verhandlungen mit Kanzler Friedrich Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil und Digitalminister Karsten Wildberger. Am Ende platzte das Vorhaben - der Aufschlag von Altman wurde nach Darstellung eines Regierungsvertreters „das Blaue vom Himmel“.
Der Zeitpunkt des ersten Treffens ist Handelsblatt zufolge dokumentiert: Altman traf Merz persönlich, informierte am selben Abend bei den Axel-Springer-Awards Digitalminister Wildberger über seine Pläne und sprach in derselben Phase auch mit Klingbeil. OpenAI hatte parallel sein Berliner Team verdreifacht. Als Standort schwebte dem Konzern eine Region nahe der französischen Grenze vor, um Strom aus dem französischen Atomkraftwerkspark zu importieren statt auf das teurere deutsche Netz zurückzugreifen. Nach Angaben des Portals Datacenter-Insider lagen die geschätzten Investitionskosten für eine solche Anlage im zweistelligen Milliardenbereich.
Wesentliche Details, wie sie bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung üblich sind, fehlten.
Politisch wäre der Zuschlag ein Coup gewesen. Eine einzige OpenAI-Ansiedlung mit einem Gigawatt hätte Deutschland auf einen Schlag nahe an das für 2030 gesteckte Ziel gebracht, die inländischen KI-Kapazitäten auf zwei Gigawatt auszubauen. Zum Vergleich: SoftBank plant laut Datacenter-Insider allein in Frankreich bis 2031 einen Ausbau um 3,1 Gigawatt - mehr als die gesamte in Deutschland derzeit installierte Rechenzentrumsleistung. Umso schwerer wiegt für Berlin, dass sich das Projekt in den Gesprächen mit Altman nie über die Absichtserklärung hinaus konkretisierte. „Ernsthafte Bemühungen auf Arbeitsebene“ habe OpenAI nie unternommen, zitiert das Handelsblatt einen Regierungsvertreter.
Strompreis und Auflagen als Bremsen
Die deutschen Rahmenbedingungen gelten Konzernen wie OpenAI als abschreckend. Neben den Industriestrompreisen listet Hardwareluxx unter Berufung auf den Handelsblatt-Bericht die Pflicht zur Abwärmenutzung sowie die ab 2027 geltende Vorgabe, Rechenzentren zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom zu betreiben. Der ostdeutsche Atomausstieg von 2023 macht zudem eine politische Anlehnung an französische Kernkraft heikel. Die Bundesregierung hat einzelne Auflagen im Juni 2026 gelockert und plant, den Kommunen einen höheren Anteil an den Gewerbesteuern zu belassen, um Standortentscheidungen zu erleichtern. Für Altmans Konzept reichte das nicht.
OpenAI wies 2025 nach eigenen Angaben einen Verlust von 39 Milliarden Dollar aus - eine Zahl, die Insider im Handelsblatt als möglichen Hintergrund für den Rückzug nennen. Der Konzern investiert derzeit vor allem in das eigene „Stargate“-Programm in den USA und in Kapazitäten in Frankreich, Großbritannien und dem Nahen Osten. Ob Altman den deutschen Standort später erneut prüft, ist offen. Aus seinem Umfeld heißt es lediglich, das Interesse bestehe „bei besseren Bedingungen“ fort.
Für die Bundesregierung ist der geplatzte Deal ein Rückschlag im internationalen Wettbewerb um KI-Infrastruktur. Wildberger, dessen Ressort federführend an Ansiedlungen arbeitet, hat sich bislang öffentlich nicht zu den Gesprächen geäußert. Auch das Kanzleramt bestätigte den Bericht am Mittwoch nicht offiziell. Die Grundfrage aber liegt nach der Handelsblatt-Enthüllung auf dem Tisch: ob Deutschland überhaupt Standort für die energieintensivsten Anlagen der KI-Welt sein kann, solange Strompreise und Auflagen deutlich über dem französischen Niveau liegen.