Russland hat in der Nacht zum Sonntag erneut seine Mittelstreckenrakete Oreschnik gegen die Ukraine eingesetzt. Der Flugkörper schlug nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj in Bila Zerkwa südlich von Kiew ein, vermutlich auf einen Militärflugplatz, wie das ZDF in seiner Militäranalyse berichtet. Es war der erste bestätigte Oreschnik-Einsatz seit Monaten. In den Stunden danach bezeichneten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Außenbeauftragte Kaja Kallas den Schlag als „rücksichtslose Eskalation“. Die Frage, die seither in Berlin, Brüssel und Washington diskutiert wird, ist eine andere: Wie gefährlich ist diese Rakete wirklich?

Die offiziellen Eckdaten lesen sich nach Wunderwaffe. Die Oreschnik fliegt nach ukrainischen Messungen mit mehr als dem zehnfachen der Schallgeschwindigkeit, knapp 13.500 Kilometer pro Stunde in der Endphase. Ihre Reichweite gibt der Tagesspiegel mit 3.000 bis 5.000 Kilometern an. Vom russischen Kernland aus liegt damit ganz Europa in der Schussweite, eine Vorwarnzeit für die Ukraine gibt es praktisch nicht. Doch die Sicherheitsexperten Christian Mölling vom European Policy Centre und András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) widersprechen dem Bild der unaufhaltsamen neuen Waffe. Sie nennen die Oreschnik in ihrer aktuellen Form ein „Propagandainstrument“, wie das Portal Watson zusammenfasst.

Es handelt sich um eine unfertige, experimentelle Rakete, die nur in sehr geringer Stückzahl verfügbar ist und nicht einmal über einen funktionsfähigen Sprengkopf verfügt.
- Christian Mölling und András Rácz, zitiert nach Watson

Handarbeit aus alten Teilen

Die Argumente der beiden Analysten zielen auf den industriellen Reifegrad. Die bisherigen Oreschnik-Exemplare seien buchstäblich handgefertigt und aus Komponenten älterer russischer Raketensysteme zusammengesetzt, schreibt das ZDF unter Berufung auf die Expertenrunde. Eine Serienproduktion gibt es bislang nicht. Hinzu kommen die Kosten: Pro Stück veranschlagen Mölling und Rácz 25 bis 30 Millionen US-Dollar, was die Oreschnik zu einer der teuersten Raketen im russischen Arsenal macht. Entscheidender ist nach Einschätzung der beiden ein zweites Defizit. Die Mehrfachsprengköpfe, die nach Angaben der Tagesspiegel-Recherche eigentlich auf bis zu sechs unabhängig manövrierende Gefechtsköpfe ausgelegt sind, seien bei den Einsätzen in Dnipro und Lwiw mit Metallfragmenten statt mit funktionsfähigen Sprengsätzen bestückt gewesen. „Konventionelle Gefechtsköpfe müssen direkt treffen, um zu wirken“, heißt es in der Watson-Auswertung, doch die ursprünglich für nukleare Sprengköpfe entwickelte Oreschnik sei für solche Präzision nicht ausgelegt.

Propaganda statt Schlagkraft

Damit verschiebt sich der Blick auf den Zweck der Einsätze. Der ukrainische Oberst Juri Ihnat, Sprecher der Luftstreitkräfte, bezeichnete die Schläge bereits zu Jahresbeginn als „Signal an die westlichen Partner“, nicht als Versuch, die Frontlinie zu verändern. Der Militäranalyst Nico Lange formuliert es im Tagesspiegel ähnlich: Moskau wolle demonstrieren, „dass wir überall in Europa zuschlagen können und ihr euch nicht verteidigen könnt“. Kallas sieht den Schritt als Eingeständnis: Russland greife zur Oreschnik, weil es „auf dem Schlachtfeld in eine Sackgasse geraten ist“. Der Effekt ist ein politischer, nicht ein militärischer. Die Verhandlungssignale aus Washington haben die Schläge bislang weder beschleunigt noch entschärft.

Das Bild kann sich ändern, sobald Russland die Oreschnik in Serie baut und mit funktionsfähigen konventionellen Mehrfachsprengköpfen ausstattet. Dann, schreiben Mölling und Rácz, könnte sie sich zu einer „extrem effektiven Mittelstreckenrakete“ entwickeln. Davon ist der Kreml nach Expertenmeinung noch entfernt. Bis dahin bleibt die Oreschnik das, was sie nach Einschätzung der DGAP und des European Policy Centre derzeit ist: eine teure, unfertige Demonstration russischer Reichweite, deren Wirkung in Schlagzeilen größer ist als auf dem Gefechtsfeld. Lange fordert daraus eine europäische Konsequenz und plädiert dafür, dass „die Europäer zügig neue Raketen bauen und testen“ sollten, statt sich von der Inszenierung treiben zu lassen.