Am Donnerstag ist die ARD-Verfilmung „Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau“ wieder in der Mediathek verfügbar. Der 181 Minuten lange Historienfilm mit Kristin Suckow in der Titelrolle war 2019 auf Das Erste in zwei Teilen zu sehen und gehört nun zu den sechs Neuzugängen, die die ARD-Mediathek am 6. August in ihr Programm aufgenommen hat, wie das Portal news.de meldet. Die Wikipedia-Seite zur historischen Ottilie von Faber-Castell verzeichnete darauf einen deutlichen Zulauf.

Regie führte Claudia Garde nach dem Roman von Asta Scheib; die Produktion stammt von Wiedemann & Berg für die ARD Degeto und wurde in einem Barockschloss bei Prag gedreht. Neben Suckow spielen Martin Wuttke als Firmengründer Lothar von Faber, Johannes Zirner als Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen und Maren Eggert als Berta von Faber. Der Film folgt der 1877 in Stein bei Nürnberg geborenen Ottilie, die mit 16 Jahren zur Alleinerbin der weltweit erfolgreichen Bleistiftfabrik bestimmt wird und sich in einer von Männern dominierten Wirtschaft behaupten muss.

Ein aufwendig kostümiertes Melodram, das mehr adeligen Kitsch als ein vielschichtiges Zeitbild bietet.
- Thomas Gehringer, tittelbach.tv

Die Presseresonanz zum Erstsendetermin war gemischt. Der filmdienst kritisierte, das „Kostümepos“ schwelge in seiner Schauwertdominanz, wirke in seinen Dialogen anachronistisch und klammere Umbrüche der Kaiserzeit und die Welt außerhalb der Industriearistokratie weitgehend aus. Fernsehkritiker Thomas Gehringer schrieb auf tittelbach.tv, die Produktion versuche „Downton Abbey“-Ästhetik, biete aber „mehr adeligen Kitsch als ein vielschichtiges Zeitbild“; Werksarbeiter und Dienstboten dienten nur als Kulisse. Positiv hervorgehoben wurde meist die Besetzung, insbesondere Wuttke, während Suckows Ottilie als „temperamentvoll und ehrgeizig“ beschrieben wurde.

Die reale Tilly initiierte die Scheidung selbst

Die tatsächliche Biografie weicht in wesentlichen Punkten vom Filmstoff ab. Die Fabrik ging nicht unmittelbar nach dem Tod des Großvaters an Ottilie, sondern erst 1903, nachdem die Großmutter gestorben war und das Familienstift die männliche Erbfolge, die Lothar von Faber testamentarisch festgelegt hatte, ablöste. Auch die Ehe verlief anders als vom Drehbuch skizziert: Es war Ottilie, die 1916 aus der Distanz des Krieges die Trennung einleitete. „Lieber Alexander! Heute komme ich mit einer großen Bitte zu Dir: Gib mir meine Freiheit!“, schrieb sie ihrem an der Front stehenden Ehemann, wie die Nordbayerischen Nachrichten aus dem Nachlass zitieren.

Die Scheidung wurde 1917 rechtskräftig, ein Jahr später heiratete Ottilie Philipp Freiherr von Brand zu Neidstein - in der adligen Fabrikantengesellschaft der Kaiserzeit ein Skandal. Faber-Castell selbst räumte 2019 zum Filmstart ein, dass Roman und Verfilmung „erhebliche künstlerische Freiheiten mit den biografischen Fakten verbunden“ hätten. Unternehmenssprecherin Sandra Suppa sagte gegenüber den Nordbayerischen Nachrichten, Tilly habe „die Rolle der Hausherrin genossen, Bälle organisiert“ und sei musisch begabt gewesen - die Zeichnung einer aus der Firma verdrängten Chefin sei überzogen.

Ottilie von Faber-Castell starb 1944 mit 67 Jahren; die Fabrik in Stein besteht bis heute und wird von der Familie in siebter Generation geführt. Der Film mit Suckow läuft in der ARD-Mediathek ohne bekanntes Enddatum. Die zusätzliche Sichtbarkeit fällt zusammen mit einer Streaming-Renaissance historischer Frauenporträts im deutschen Fernsehen: Auch die ARD-Sommerkino-Reihe zeigt zurzeit die Lee-Miller-Verfilmung mit Kate Winslet.