Papst Leo XIV. hat am Montag im Vatikan seine erste Enzyklika vorgestellt. Das Lehrschreiben „Magnifica humanitas“ widmet sich auf gut hundert Seiten dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz und gilt schon jetzt als programmatisches Dokument seines Pontifikats.
Das Schreiben trägt das Datum vom 15. Mai - exakt 135 Jahre nach „Rerum novarum“ von Leo XIII., der Gründungsschrift der katholischen Soziallehre. In Vatikan-Kreisen wird der Text bereits als „KI-Sozialenzyklika“ bezeichnet, wie der Tagesspiegel berichtet. Mit der Wahl des Papstnamens hatte Robert Prevost bereits im Mai 2025 auf diese Tradition verwiesen.
Im Zentrum steht die Forderung, KI „zu entwaffnen“. Konkret verlangt Leo, tödliche Entscheidungen niemals an autonome Systeme zu übertragen. „Daher ist es nicht zulässig, tödliche oder jedenfalls irreversible Entscheidungen künstlichen Systemen anzuvertrauen“, zitiert Vatican News aus Artikel 198 des Schreibens.
Es gibt keinen Algorithmus, der Krieg moralisch akzeptabel machen kann.
Über das Waffenverbot hinaus formuliert das Schreiben einen breiten Forderungskatalog: Transparenz bei Algorithmen und Datenverwaltung, Altersgrenzen für Plattformnutzung, klare Verantwortung beim KI-Einsatz in bewaffneten Konflikten sowie Schutz vor sexueller Ausbeutung im Netz. Wirtschaftliche Macht dürfe nicht zur politischen Kontrolle umschlagen, schreibt Leo: „Wenn sich Macht dieser Größenordnung in wenigen Händen konzentriert, neigt sie dazu, undurchsichtig zu werden und sich der öffentlichen Kontrolle zu entziehen“, heißt es in der von Vatican News verbreiteten Zusammenfassung.
Bei der Vorstellung im Vatikan saß neben Kardinälen und Theologen auch Chris Olah, Mitgründer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, auf dem Podium - ein für eine päpstliche Enzyklika ungewöhnlicher Schritt, wie der Tagesspiegel hervorhebt. Anthropic untersagt den Einsatz seiner Modelle für autonome Waffensysteme und für die zivile Massenüberwachung. Für Leo, der als erster US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri amtiert, ist die Einbindung der Tech-Industrie programmatisch: den Wandel mitgestalten, statt ihn nur zu beklagen.
Deutsche Bischöfe nennen das Lehrschreiben „wegweisend“
In Deutschland fielen die ersten Reaktionen weitgehend positiv aus. Bischof Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, nannte das Dokument „wegweisend“. „Maschinen dürfen nicht über Leben und Tod entscheiden“, sagte Wilmer gegenüber evangelisch.de. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sprach von einem „historischen Text“ und lobte die „Klarheit und Entschiedenheit“ des Papstes.
Das Schreiben richtet sich nominell an die rund 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken weltweit, zielt mit seiner Sprache aber sichtbar auf Regierungen und Konzerne. Leo XIV., der das Pontifikat am 8. Mai 2025 antrat, knüpft mit „Magnifica humanitas“ an Papst Franziskus an, der KI-Fragen mehrfach öffentlich angesprochen hatte. In der Verbindlichkeit einer Enzyklika hatte das vor ihm aber noch kein Pontifex gewagt.