Papst Leo XIV. hat den 250. Jahrestag der US-Unabhängigkeit nicht in Washington begangen, sondern auf Lampedusa. Der erste amerikanische Papst der Kirchengeschichte flog am Samstag auf die süditalienische Mittelmeerinsel, den prominentesten Ankunftsort für Bootsflüchtlinge aus Nordafrika, und veröffentlichte zeitgleich einen Brief an die Vereinigten Staaten. Darin ruft er seine Landsleute dazu auf, Einwanderer „zu empfangen, zu schützen und zu unterstützen“. Ihre „Hoffnungen, Opfer und Beiträge“ hätten die Geschichte des Landes von Beginn an geprägt, schreibt Leo, wie die Nachrichtenagentur AP und die Tagesschau berichten.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am selben Tag, an dem Präsident Donald Trump in Washington die Independence-Day-Parade abnahm und tags zuvor am Mount Rushmore vor einer „kommunistischen Bedrohung“ gewarnt hatte, legte der Papst am Grab des sechs Monate alten Yusuf Ali Kanneh auf dem Inselfriedhof Blumen nieder. Das Kind war 2020 bei einem Bootsunglück im Mittelmeer ertrunken. Rund dreieinhalb Stunden blieb Leo auf Lampedusa, feierte eine Freiluftmesse, besuchte das Mahnmal Porta d'Europa des Bildhauers Mimmo Paladino und segnete am Molo Favaloro eine Gedenktafel, die künftig „Molo Papa Francesco“ heißen soll.

In der Botschaft an die USA vermeidet Leo Trumps Namen. Der Verteidigung menschlichen Lebens gehöre es aber „unabdingbar“ dazu, „Einwanderer zu empfangen, zu schützen und zu unterstützen, deren Hoffnungen, Opfer und Beitrag Teil der Geschichte dieses Landes seit seinen Anfängen sind“, zitiert die Washington Post aus dem Schreiben. In einer Videobotschaft, die parallel im National Constitution Center in Philadelphia bei der Verleihung der Liberty Medal 2026 abgespielt wurde, verwies der Papst darauf, dass Amerika über 250 Jahre zum „Synonym für Freiheit“ geworden sei, „als das Land seine Türen für aufeinanderfolgende Wellen von Einwanderern öffnete“.

Niemand darf wegschauen, wenn er vor Menschen steht, die Schutz und Sicherheit suchen.
- Papst Leo XIV., Predigt auf Lampedusa, 4. Juli 2026

Ein einladender Umschlag, unangetastet auf dem Schreibtisch

Dass Leo XIV. am 250. Jahrestag nicht in die USA reisen würde, hatte sich abgezeichnet. Vizepräsident J.D. Vance hatte dem Papst am 19. Mai 2025 im Vatikan einen Umschlag überreicht, den Beobachter als Trumps Einladung zu den Feierlichkeiten in Washington deuteten. Leo legte ihn ungeöffnet auf seinen Schreibtisch, wie Vatikan-Sprecher Matteo Bruni bestätigte. Ende Juni ließ der Vatikan wissen, dass eine Reise in die Vereinigten Staaten 2026 nicht stattfinden werde. Stattdessen setzte der Pontifex, der als Robert Prevost in Chicago geboren wurde, seinen ersten Auslandstermin als Papst symbolträchtig auf jene Insel, die Franziskus 2013 zu seiner ersten Auslandsreise gewählt hatte.

Die Konfrontation mit der Trump-Regierung ist damit nicht neu, aber schärfer geworden. Bereits im vergangenen Herbst hatte Leo XIV. gegenüber Reportern erklärt, wer Abtreibung ablehne, aber „mit der unmenschlichen Behandlung von Einwanderern in den Vereinigten Staaten einverstanden“ sei, sei aus seiner Sicht nicht „pro-life“. In den vergangenen Wochen hatten der Papst und mehrere US-Bischöfe die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE gegen migrantische Familien deutlich kritisiert. Der Theologe Andreas R. Batlogg ordnete den Lampedusa-Termin gegenüber dem Domradio ein: Leo sei „keine Anti-Trump-Stimme, aber er bietet eine Gegenstimme“.

Amerikas Papst und die Bilder aus dem Mittelmeer

Vor Ort ging es Leo auch um Zahlen: Seit dem Beginn der Erfassung durch die Internationale Organisation für Migration (IOM) im Jahr 2014 sind im zentralen Mittelmeer nach IOM-Angaben mehr als 24.000 Menschen gestorben oder vermisst gemeldet worden. „Was könnte aktueller sein als ein missionarisches Charisma, das sich in den Dienst von Migranten stellt?“, fragte der Papst in seiner Predigt und sprach von Menschen, die „gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen - nicht aus freiem Willen, sondern weil sie es müssen, um zu überleben“. Am Ende der Messe hielt er inne, wie die katholische Nachrichtenagentur Vatican News berichtet, und mahnte: Wer Menschen in Not begegne, dürfe nicht wegschauen.

In Washington wurde die Botschaft registriert. Fox News und CNBC führten den Papstbrief prominent, das Weiße Haus reagierte am Samstagabend nicht. In der Grußadresse an die USA schloss Leo mit einer Fürbitte, die die politische Spannung wieder etwas glättete: Er bete dafür, dass die Ideale der Unabhängigkeitserklärung die Vereinigten Staaten weiter „in Einheit, Gerechtigkeit und Frieden“ leiten.