Frankreich erinnert an diesem Samstag an das Massaker von Paris: Vor 65 Jahren schlug die französische Polizei unter dem damaligen Pariser Präfekten Maurice Papon eine friedliche Demonstration von zehntausenden Algeriern blutig nieder. Die offizielle Zeremonie am Pont Saint-Michel beginnt um 8.30 Uhr; weitere Gedenkveranstaltungen sind in Garges-lès-Gonesse, Saint-Lô, Grenoble und Besançon geplant, berichtet die französische Onlinezeitung Afrik.com.
Dreißig französische Bürgermeister haben sich am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung an die Regierung gewandt. Sie fordern, das Massaker förmlich als Staatsverbrechen anzuerkennen und den 17. Oktober in den offiziellen Gedenkkalender der Republik aufzunehmen. Zu den Unterzeichnern zählen laut junge Welt der sozialdemokratische Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire, der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko (La France insoumise), der kommunistische Amtsinhaber Patrice Bessac aus Montreuil sowie der Mitte-Rechts-Politiker Karim Bouamrane aus Saint-Ouen - ein ungewöhnlich breites Spektrum.
Präsident Emmanuel Macron erklärte zum 65. Jahrestag, Frankreich betrachte diese „verwundete Erinnerung“ mit Klarheit. Sie gehöre zur gemeinsamen Geschichte und werde „durch die Arbeit von Historikerinnen und Historikern, Lehrkräften, Vereinen und Familien“ weitergegeben, heißt es in der Mitteilung des Élysée. Macron hatte die Taten bereits 2021 zum 60. Jahrestag als „unverzeihliche Verbrechen“ bezeichnet - der bis dahin weitestgehende Schritt eines französischen Staatsoberhaupts.
Diese verwundete Erinnerung gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte, und die Republik betrachtet sie mit Klarheit.
Lange verschwiegen, spät anerkannt
Am Abend des 17. Oktober 1961 zogen zehntausende Algerierinnen und Algerier aus den Vorstädten in die Pariser Innenstadt, um gegen eine nur ihnen auferlegte nächtliche Ausgangssperre zu protestieren. Die Kundgebung war nicht angemeldet. Papons Polizei schlug zu: Rund 12.000 Menschen wurden festgenommen, misshandelt und geschlagen; Historiker schätzen die Zahl der Todesopfer auf 200 bis 300, einige Leichen wurden aus der Seine geborgen. Jahrzehntelang hielten französische Behörden offiziell an zwei Toten fest und schoben die Verantwortung internen Konflikten innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung FLN zu.
Erst 1999 bekam die historische Wahrheit juristisches Gewicht: Papon, bereits wegen Kollaboration mit dem NS-Regime als Kriegsverbrecher verurteilt, verlor eine Verleumdungsklage gegen den Historiker Jean-Luc Einaudi, dessen Buch „La Bataille de Paris“ von 1991 das Massaker rekonstruiert hatte. 2001 brachte die Pariser Stadtverwaltung die erste Gedenktafel am Pont Saint-Michel an. Francois Hollande erkannte das Massaker 2012 als Präsident offiziell an; Macron ging 2021 mit dem Wort „unverzeihlich“ einen weiteren Schritt - der formelle Status eines Staatsverbrechens aber bleibt bis heute aus.
Das diesjährige Gedenken fällt in eine aufgeladene politische Lage: Parallel zu den Zeremonien demonstrieren Gelbwesten, Studierende und Gewerkschaftlerinnen gegen Lebenshaltungskosten und Sozialabbau, wie junge Welt berichtet. Für die Nachfahren der Opfer bleibt der 17. Oktober ein offener Fall - weniger ein historisches Datum als ein Prüfstein dafür, wie Frankreich mit seinem kolonialen Erbe umgeht.