Seit die Hinrichtung von Christa Pike im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville in der Nacht zum Donnerstag scheiterte, suchen deutsche Leserinnen und Leser nach einem Begriff, der in der Berichterstattung immer wiederkehrt: Pentobarbital. Nach zwei Dosen des Barbiturats habe die 50-Jährige noch gelebt und nach Luft gerungen, schilderte ihr Anwalt Randy Spivey nach dem Vollzug. Gouverneur Bill Lee setzte alle weiteren Hinrichtungen für den Rest des Jahres aus. Die ZDFheute berichtet, dass das Death Penalty Information Center keinen vergleichbaren Fall aus der jüngeren US-Geschichte kennt, in dem ein Verurteilter die Verabreichung des Mittels überlebte.
Pentobarbital ist ein mittellang wirkendes Barbiturat, das Bayer 1916 zum Patent anmeldete. Wie das Fachportal apotheke-adhoc.de erläutert, versetzt es in Milligramm-Dosen in Schlaf, in letalen Dosen - abhängig vom Körpergewicht meist mehrere Gramm - lähmt es das Atemzentrum. In der Humanmedizin wurde es wegen seines hohen Abhängigkeitspotenzials und sichererer Alternativen weitgehend verdrängt; der Deutsche Bundestag notierte in einem Hintergrundpapier des Wissenschaftlichen Dienstes, dass es in Deutschland heute als obsolet gilt und als Fertigarzneimittel nicht mehr zugelassen ist. Verwendet wird es vor allem in der Tiermedizin zur Euthanasie - und in US-Vollzugsanstalten.
Vom Schlafmittel zur Hinrichtungsdroge
Dass gerade Pentobarbital in den USA zum Standard wurde, hat mit Europa zu tun. Seit sich die europäische Pharmaindustrie weigert, Thiopental für Exekutionen zu liefern, griffen US-Bundesstaaten zum verwandten Pentobarbital. Nach einer Darstellung des Luxemburger Portals L'essentiel verlagerte sich auch dessen Beschaffung auf sogenannte Compounding Pharmacies, kleine Apotheken, die den Wirkstoff auf Bestellung anmischen. Qualität und Reinheit solcher Rezepturen sind seit Jahren Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen; Lieferungen aus nicht lizenzierten indischen Produktionen wurden mehrfach vom US-Zoll abgefangen.
Im Fall Pike räumte die Vollzugsbehörde ein, man habe knapp eine Stunde lang vergeblich versucht, einen funktionierenden Venenzugang zu legen, bevor die ersten Spritzen gesetzt wurden. Nach Einschätzung von Medizinern, die die New York Times zitiert und die ZDFheute aufgreift, könnte das Mittel ins umliegende Gewebe statt in die Blutbahn gelangt sein - was erklären würde, warum selbst zwei Dosen nicht ausreichten. Pike erlitt nach Angaben ihres Anwalts Verätzungen und Blasen rund um die Einstichstellen; sie liegt in einem Krankenhaus außerhalb der Haftanstalt in kritischem Zustand.
Warum deutsche Gerichte den Zugriff sperren
In Deutschland fällt Natrium-Pentobarbital unter Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes. Eine ärztliche Verschreibung ist nur zulässig, wenn das Mittel Krankheiten heilen oder lindern kann - zur gezielten Selbsttötung ist dieser Weg verschlossen. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen bestätigte zuletzt den Einfuhrstopp; auch Ärztinnen und Ärzte erhalten das Mittel nicht, wie das Fachportal arzt-wirtschaft.de dokumentiert.
Grundsätzlich entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 7. November 2023 unter Vorsitz des Richters Dr. Philipp, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auch schwerkranken Antragstellern 15 Gramm Natrium-Pentobarbital nicht aushändigen muss. Die Richter stützten sich zwar auf das Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020, das ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben festschrieb. Zugleich wogen sie das staatliche Interesse am Schutz vulnerabler Personen stärker als das individuelle Interesse an einer bestimmten Methode.
Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt die Freiheit des Einzelnen, selbstbestimmt zu entscheiden, ob er sein Leben beenden möchte, sondern auch, wann und wie.
Für Sterbewillige verweisen die Leipziger Richter auf Alternativen: orale Medikamentenkombinationen auf Rezept, intravenöses Thiopental unter ärztlicher Begleitung oder die Vermittlung durch Sterbehilfeorganisationen - Wege, die seit dem Karlsruher Urteil von 2020 wieder offenstehen, nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe (§217 StGB) gekippt hatte. Zwei Versuche des Bundestags, die Sterbehilfe gesetzlich neu zu ordnen, scheiterten zuletzt in getrennten Abstimmungen; eine Reform ist nicht in Sicht.
Pentobarbital bleibt damit ein Mittel, das in zwei Welten eine Rolle spielt: in Vollzugsanstalten wie Riverbend, wo es die staatliche Tötung vollziehen soll, und in juristischen Verfahren vor deutschen Verwaltungsgerichten, in denen schwerkranke Menschen vergeblich versuchen, es selbst zu erwerben. Der Fall Pike führt beide Welten vor Augen - und zeigt, warum der Stoff seit Tagen die Trendlisten anführt.