Christa Gail Pike wird am Donnerstagabend weiter beatmet. Nach der abgebrochenen Hinrichtung im Riverbend-Gefängnis in Nashville liegt die 50-Jährige mit Verbrennungen an beiden Armen auf einer Intensivstation, während ihre Verteidiger Gouverneur Bill Lee auffordern, das Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe umzuwandeln. Wie am Mittwoch und Donnerstag berichtet, hatte das Vollstreckungsteam zwei Dosen Pentobarbital gesetzt, ohne Pike zu töten; am Freitag legte die Verteidigung erstmals konkrete medizinische Details offen.
Randy Spivey, einer von Pikes Anwälten, zählte nach eigenen Angaben allein am linken Arm seiner Mandantin sieben Einstichversuche. Eine der Nadeln sei beim Herausziehen um 90 Grad verbogen gewesen. Rund eine Stunde habe das Personal gebraucht, um überhaupt einen venösen Zugang zu legen; der rechte Arm habe sich während der Injektion violett verfärbt. Rund um die Einstichstellen bildeten sich Blasen und Verbrennungen - nach Einschätzung Spiveys ein Hinweis darauf, dass das Pentobarbital in das umliegende Gewebe geriet, statt in die Blutbahn zu gelangen.
Was gestern Abend passiert ist, war nicht nur ineffizient, sondern grausam und qualvoll.
Robin Maher, Direktorin des Death Penalty Information Center in Washington, hält den Fall für beispiellos. „Dieser Vorfall ist der schlimmste, den wir je erlebt haben“, teilte Maher dem Tagesspiegel mit. Nach Angaben des Instituts ist Pike die erste Person in der modernen US-Rechtsgeschichte, die eine Hinrichtung durch Giftspritze überlebt hat. Zuvor hatte unter anderem der NPR-Reporter Chas Sisk aus dem Zeugenraum berichtet, Pike habe nach der ersten Spritze weiter geatmet, geschnarcht und sogar gesprochen.
Appell an Gouverneur Lee
Spivey und seine Co-Verteidiger verlangen inzwischen offen die Umwandlung des Urteils. „Was Christa durchlebt hat, war chemische Folter“, zitiert die Associated Press aus einer Mitteilung des Verteidigerteams. Lee hatte das Gnadengesuch Pikes vor der Vollstreckung abgelehnt. Am Donnerstagabend ordnete der Gouverneur eine Untersuchung durch eine unabhängige Stelle an und setzte die noch für 2026 geplanten Hinrichtungen in Tennessee aus - eine Entscheidung, die auch aus Teilen der demokratischen Opposition im State Senate Zustimmung erhielt.
Die Tennessee Department of Correction hält an ihrer Darstellung fest, das Vollzugsteam habe sich an das vorgeschriebene Protokoll gehalten. Nach zwei Pentobarbital-Dosen sei kein weiterer Schritt vorgesehen gewesen. Wie ZDFheute berichtet, drängt die Familie der 1995 getöteten Colleen Slemmer, deren Mord Pike auf die Todesliste gebracht hatte, weiter auf die Vollstreckung der Strafe. Die Verteidigung verweist auf eine Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs und schwerer Vernachlässigung in Pikes Kindheit - Umstände, die eine Jury nach Mahers Einschätzung heute kaum noch zum Todesurteil kommen ließen.
Ob Pike die Klinik wieder verlassen wird, war am Freitag unklar. Ihre Verteidiger wollen nach eigenen Angaben erst nach weiteren Untersuchungen eine Prognose stellen. Juristische Schritte gegen Tennessee schließen sie nicht aus, sollte sich die Mandantin erholen. Bis zur Veröffentlichung des externen Prüfberichts, dessen Zeitplan Lee bislang nicht beziffert hat, bleibt die Vollstreckungspraxis des Bundesstaates auf Eis.