Die Verteidiger von Christa Gail Pike haben am Freitag beim Davidson County Chancery Court in Nashville einen Eilantrag gestellt, mit dem sie Tennessee zur Sicherung sämtlicher Beweise aus der gescheiterten Hinrichtung verpflichten wollen. Das Gericht gewährte den Anwälten noch am selben Tag eine beschleunigte Anhörung, wie der Lokalsender WSMV berichtet. Pike liegt seit Mittwochabend auf einer Intensivstation in Nashville, beatmet und bewusstlos.

Nach Angaben des Verteidigerteams um Randy Spivey soll der Antrag die Nadeln, Infusionsschläuche, Spritzen und schriftlichen Vollstreckungsprotokolle schützen, die das Hinrichtungsteam am Mittwoch im Riverbend Maximum Security Institution einsetzte. Spivey hatte wie am Donnerstag berichtet allein am linken Arm seiner Mandantin sieben Einstichversuche gezählt; eine Nadel sei beim Herausziehen um 90 Grad verbogen gewesen. Die Blasen und Verbrennungen an beiden Armen lassen darauf schließen, dass das Pentobarbital in das umliegende Gewebe statt in die Blutbahn geriet. Ohne gerichtlichen Sicherungsbeschluss, so die Verteidigung, bestehe die Gefahr, dass Materialien aus der Hinrichtungskammer verschwinden, bevor die von Gouverneur Bill Lee angeordnete unabhängige Untersuchung sie begutachten kann.

Die Tennessee Department of Correction hält an ihrer Darstellung fest, das Vollzugsteam habe sich an das vorgeschriebene Protokoll gehalten; nach zwei Pentobarbital-Dosen sei kein weiterer Schritt vorgesehen gewesen. Zur Lagerung des Beweismaterials äußerte sich die Behörde bisher nicht. Lee hatte am Donnerstagabend die noch für 2026 geplanten Hinrichtungen in Tennessee ausgesetzt und eine externe Prüfung angeordnet; einen Zeitplan nannte der Gouverneur bis zum Freitagabend nicht.

Politiker streiten über die Konsequenzen

Die Reaktionen im Tennessee State Capitol fallen scharf gespalten aus. Die demokratische Abgeordnete Gloria Johnson aus Knoxville kündigte gegenüber dem Sender WVLT an, ihre Fraktion werde nach der Winterpause einen Gesetzentwurf zur vollständigen Abschaffung der Todesstrafe einbringen; lebenslange Haft ohne Bewährung sei ausreichend. Der republikanische US-Kongressabgeordnete Tim Burchett, ebenfalls aus Knoxville, forderte dagegen die Rückkehr zu älteren Hinrichtungsmethoden. Erschießungskommando, elektrischer Stuhl oder Erhängen ließen „sehr wenig Spielraum für Fehler“, zitiert WVLT den Konservativen; die Giftspritze liefere diese Zuverlässigkeit nicht.

Ein Staat, der die Macht hat, seine eigenen Bürger zu töten, hat zu viel Macht.
- Gloria Johnson, Tennessee State Representative, gegenüber WVLT

Amnesty International sprach am Donnerstag von einem „extremen Akt der Grausamkeit“. Justin Mazzola, stellvertretender Forschungsdirektor der US-Sektion, forderte Lee auf, Pikes Todesurteil zu kommutieren, ein unbefristetes Moratorium zu verhängen und die Todesstrafe in Tennessee abzuschaffen. Die Exekution sei „die jüngste Erinnerung daran, dass die Todesstrafe die ultimative grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe ist“, heißt es in der Mitteilung der Menschenrechtsorganisation.

Ob Pike die Klinik überhaupt verlässt, ist offen. Die Verteidigung schließt weitergehende juristische Schritte gegen Tennessee nicht aus, sollte sich die Mandantin erholen. Für den Davidson County Chancery Court wird eine Entscheidung über den Beweissicherungsantrag in den kommenden Tagen erwartet. Bis dahin bleibt die Vollstreckungspraxis des Bundesstaates ausgesetzt. Ob die externe Prüfung noch unter Lee abgeschlossen wird, der wegen der Amtszeitbegrenzung Anfang 2027 aus dem Gouverneursamt scheidet, gilt in Nashville als offen.