Vier Tage nach dem abgebrochenen Hinrichtungsversuch im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville liegt Christa Gail Pike weiter bewusstlos auf einer Intensivstation des Vanderbilt University Medical Center. Das bestätigte am Sonntag ihr Verteidiger Stephen Ferrell, stellvertretender Bundespflichtverteidiger, gegenüber mehreren US-Medien. Pike habe seit der Prozedur am Mittwochabend das Bewusstsein nicht wiedererlangt; eine belastbare Prognose sei frühestens in einigen Tagen möglich.
„Wir wissen es gerade nicht, und wir werden es möglicherweise nie wissen, welcher Folter sie während dieses Prozesses ausgesetzt war - wo ihr Bewusstsein war, welche körperlichen Schmerzen sie hatte, welche seelische Folter sie durchlitten hat“, sagte Ferrell am Sonntag, wie die Washington Post und PBS NewsHour berichten. Beide Arme der 50-Jährigen seien laut Zeugenaussage „geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät“ ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ferrell selbst spricht derzeit nicht mit Pike; eine dritte Person halte deren medizinische Vollmacht.
We don't know right now, and we may never know what sort of torture she endured during that process.
Nach Gerichtsunterlagen und Berichten des Portals t-online versuchte das Vollstreckungsteam am Mittwochabend über rund eine Stunde, einen stabilen venösen Zugang zu legen. „Ich zählte mindestens sieben Nadeln allein in ihrem linken Arm“, zitierte t-online einen anwesenden Anwalt. Pike leide zudem an einer Blutgerinnungsstörung, die den Zugang zusätzlich erschwert habe. Zwei Dosen des Betäubungsmittels Pentobarbital wurden schließlich verabreicht; Teile des Mittels seien offenbar in das umliegende Gewebe statt in die Blutbahn geraten.
Vor Beginn der Prozedur sprach Pike noch mehrere vollständige Sätze. „Ich werde diese Welt so verlassen, wie ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe: in Liebe“, soll die 50-Jährige laut t-online gesagt haben. „Ich habe meinen Frieden gefunden, ich bin bereit, frei zu sein. Dies ist ein glücklicher Tag.“ Als die Mittel wirkten, äußerte sie dem Vernehmen nach: „Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich platzen“. Gegen 20.05 Uhr Ortszeit begann Pike zu schnarchen, um 20.53 Uhr galt sie laut Protokoll noch als atmend; um 21.28 Uhr verließ ein Krankenwagen das Gelände.
Amnesty und Verteidigung fordern Konsequenzen
Amnesty International Deutschland reagierte am Wochenende mit scharfer Kritik. „Der Fall zeigt, dass es keine humane Hinrichtungsmethode gibt und die Giftspritze eine grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe darstellt“, erklärte Generalsekretärin Julia Duchrow in einer Mitteilung aus Berlin. Die Todesstrafe werde von „Willkür, Diskriminierung und Justizirrtümern“ begleitet. Pike war 1996 wegen eines im Alter von 18 Jahren begangenen Mordes zum Tode verurteilt worden; bei ihr diagnostizierten Gutachter später eine bipolare Störung, eine posttraumatische Belastungsstörung und eine angeborene Frontallappenschädigung.
Gouverneur Bill Lee hatte am Donnerstagabend ein Moratorium für alle verbleibenden Vollstreckungen 2026 verhängt; der Chef der Strafvollzugsbehörde Frank Strada kündigte am Samstag seinen Rücktritt an. Ferrell verlangte am Sonntag mehr Transparenz: Der Staat Tennessee müsse seinen Bürgern „genau sagen, was er tut, damit die Menschen in Tennessee im demokratischen Prozess entscheiden können, ob das in ihrem Namen geschehen soll“. Über den Antrag der Verteidigung auf Sicherung der benutzten Nadeln, Spritzen und Protokolle soll das Davidson County Chancery Court in den kommenden Tagen entscheiden.