Einen Tag nach der gescheiterten Giftspritze an Christa Gail Pike zieht Tennessee die Reißleine. Gouverneur Bill Lee ordnete am Donnerstag eine umfassende Untersuchung durch einen externen Prüfer an und setzte die für dieses Jahr noch anstehende Hinrichtung bis auf weiteres aus. Pike selbst lag am Abend nach Angaben ihrer Anwälte weiter in kritischem Zustand in einem Krankenhaus im Großraum Nashville, nachdem die Vollzugsbeamten am Mittwochabend zwei Dosen Pentobarbital verabreicht hatten, ohne dass die 50-Jährige starb.

In einer schriftlichen Erklärung begründete Lee den Schritt mit einer grundsätzlichen Erwartung an den Staat. „Die Vollstreckung eines rechtmäßig verhängten Urteils gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Staates, und die Menschen in Tennessee erwarten, dass sie nicht nur rechtmäßig und verfassungskonform, sondern auch effektiv erfolgt“, heißt es in dem Statement, das US-Medien wie der Tennessee Lookout und der Fernsehsender WVLT verbreiteten. Es ist der zweite Fehlschlag im Hinrichtungsraum von Riverbend binnen fünf Monaten: Im Mai hatte das Vollzugsteam den Versuch an dem verurteilten Mörder Tony Carruthers abgebrochen.

Christa lebt in diesem Moment. Wir haben keinen Eindruck von ihrer Prognose und auch sonst kaum ein Update zu ihrem Gesundheitszustand.
- Randy Spivey, Verteidiger von Christa Pike, gegenüber Al Jazeera

Pikes Verteidigung hatte am Mittwoch bis in die Nacht hinein um einen Aufschub gekämpft. Nachdem der Supreme Court kurz vor 19 Uhr Ortszeit grünes Licht für die Hinrichtung gegeben hatte, verlief die Vollstreckung ab 19:46 Uhr nicht wie geplant. Augenzeugen berichteten laut Al Jazeera und t-online, Pike habe nach der ersten Spritze laut geschnarcht, mehrfach aufgestöhnt und mit den Füßen gestoßen. Um 20:53 Uhr brachen die Verantwortlichen den Vorgang ab und ließen Pike in ein nahegelegenes Krankenhaus bringen.

Beispielloser Vorgang in der US-Rechtsgeschichte

Robin M. Maher vom Death Penalty Information Center sagte dem Portal t-online, der Fall sei „einzigartig und beispiellos“ - ihm sei kein zweiter Fall bekannt, in dem ein Verurteilter nach der vollständigen Verabreichung der Hinrichtungsdosis am Leben geblieben sei. Die Debatte um das Vollzugsprotokoll in Tennessee hatte sich bereits nach dem Carruthers-Fall im Mai verschärft. Dass nun innerhalb eines einzigen Jahres zwei Hinrichtungen scheitern, erhöht den Druck auf Lee, nicht nur das technische Verfahren, sondern auch das zugrunde liegende Pentobarbital-Protokoll grundsätzlich zu prüfen.

Wie Pike medizinisch versorgt wird, bleibt vorerst unklar. Ihr Anwalt Randy Spivey sagte gegenüber Al Jazeera, man wisse weder etwas Konkretes zur Prognose noch zu den Behandlungsschritten. Vor der Vollstreckung hatten die Verteidiger in Eilanträgen auf das Alter zur Tatzeit, eine psychische Erkrankung und einen von Pike geschilderten sexuellen Missbrauch in der Kindheit verwiesen - Argumente, die der Supreme Court am Mittwoch nicht gelten ließ. Ob sie nach dem Scheitern des Vollzugs politisch nun ein neues Gewicht bekommen, dürfte eine der zentralen Fragen der von Lee angekündigten Prüfung sein.

Einen neuen Hinrichtungstermin für Pike nannte das Büro des Gouverneurs am Donnerstag nicht. Lee machte lediglich klar, dass die für November angesetzte Vollstreckung an einem weiteren Todeskandidaten in diesem Jahr nicht mehr stattfinden werde. Was danach kommt, hängt vom Ergebnis des externen Reviews ab - und davon, ob Pike ihre eigene gescheiterte Hinrichtung überlebt.