Zwei Tage vor dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika eskaliert der Machtkampf an der FIFA-Spitze. Der ehemalige UEFA-Präsident Michel Platini hat in Paris Strafanzeige gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino erstattet und parallel auf Schadensersatz gegen den Weltverband geklagt. Sein Anwalt Olivier Baratelli bestätigte die Schritte am Montag.

Platini wirft Infantino sowie den ehemaligen FIFA-Funktionären Domenico Scala und Marco Villiger Verschwörung vor. Eine Pariser Untersuchungsrichterin soll zudem prüfen, ob drei hochrangige Schweizer Justizbeamte verwickelt waren. Der Vorwurf zielt auf den Wendepunkt seiner Karriere: die Sperre durch die FIFA-Ethikkommission Ende 2015, die Platini als aussichtsreichsten Bewerber aus dem Rennen um die FIFA-Präsidentschaft warf - und Infantino den Weg ins Amt freiräumte.

Auslöser war damals eine Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken, die Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter 2011 an Platini angewiesen hatte. Beide bezeichneten die Summe stets als verspätete Honorarzahlung für Beratertätigkeit zwischen 1998 und 2002. Die parallel laufenden Strafverfahren in der Schweiz wurden erst im März 2025 mit Freisprüchen in zweiter Instanz beendet. Die achtjährige Sperre durch die FIFA-Ethikkommission war zu diesem Zeitpunkt längst abgelaufen.

Was Platini einklagt

Der 70-Jährige fordert nach Angaben seines Anwalts die formale Anerkennung, dass er mit „frei erfundenen Vorwürfen“ zu Fall gebracht worden sei. Die parallel laufende Zivilklage gegen die FIFA selbst zielt auf Schadensersatz; eine konkrete Summe nannte Baratelli zunächst nicht. Den Verfahren im Strafrecht liegt der Vorwurf der böswilligen Strafverfolgung und der unzulässigen Einflussnahme zugrunde.

Platini war der Kronprinz von Sepp Blatter.
- Alexander Koch, ehemaliger FIFA-Kommunikationschef, im Tagesspiegel

Die FIFA wollte sich auf Anfrage zunächst nicht äußern. Infantino selbst hat für den 11. Juni eine außerordentliche Pressekonferenz angesetzt - den Tag, an dem Mexiko und Südafrika im Aztekenstadion das Eröffnungsspiel der WM 2026 anpfeifen. Einen direkten zeitlichen Bezug zur Platini-Anzeige stellte sein Büro nicht her. Der Termin fällt aber in eine Phase, in der sich die Kritik an Infantinos Amtsführung verdichtet.

Druck von mehreren Seiten

Die Pariser Klagen treffen Infantino in einer ohnehin angespannten Lage. Die FIFA-Vergabe eines „Friedenspreises“ an US-Präsident Donald Trump während der WM-Auslosung im Dezember hat eine NGO-Beschwerde wegen Verstoßes gegen die politische Neutralitätspflicht ausgelöst. In den USA ermittelt das FBI parallel zu Ticket-Betrugsfällen rund um das Turnier. Sepp Blatter selbst nannte die FIFA jüngst in einem ZDF-Interview eine „Diktatur“.

Für die WM-Stimmung sind das unangenehme Nebengeräusche. Sportlich richtet sich die Aufmerksamkeit ab Donnerstag auf das Aztekenstadion; juristisch wird sich Infantino aber an mehreren Fronten verteidigen müssen. Eine Entscheidung in den Pariser Verfahren dürfte vor dem WM-Finale am 19. Juli nicht fallen.