Polens Lokführer haben am Freitagvormittag den Fernverkehr fast lahmgelegt. Von Mitternacht bis zwölf Uhr mittags rollten die Züge im ganzen Land mit Tempo 20 über jeden Bahnübergang, wie die Lokführergewerkschaft ihre Mitglieder aufgerufen hatte. Nach Angaben von t-online waren am Vormittag rund 90 Prozent der Fernzüge verspätet, im Schnitt um eine halbe Stunde, 14 Verbindungen fielen komplett aus. Auslöser der Aktion ist ein tödlicher Unfall: Am Mittwoch war ein Intercity an einem unbeschrankten Bahnübergang mit einem Betonmischer kollidiert. Eine Frau starb, zehn weitere Menschen wurden verletzt, der Lokführer erlitt schwere Wirbelbrüche.

Gewerkschaftschef Leszek Mietek nannte den Bummelstreik einen „Akt der Verzweiflung". „Es ist schlimm, dass dafür erst ein Mensch zu Tode kommen musste", sagte er der polnischen Website Tok.fm. Formal handelt es sich nicht um einen Streik, sondern um eine sicherheitsbegründete Arbeitsverweigerung, die nach polnischem Arbeitsrecht zulässig ist. Auf viel befahrenen Strecken werden die Verzögerungen dadurch massiv: Allein zwischen Warschau und Posen liegen laut Tagesspiegel 140 Bahnübergänge, jede Passage im Schleichtempo kostet rund zwei Minuten.

In Polen gibt es auch auf Hauptstrecken viele Bahnübergänge, an denen weder Schranke noch Halbschranke die Straße sperrt. Nur ein Andreaskreuz und ein Blinklicht warnen vor herannahenden Zügen. Nach Zahlen der Lokführergewerkschaft ereigneten sich allein im vergangenen Jahr fast 180 Unfälle an solchen Übergängen. Die Gewerkschaft verlangt vom Infrastrukturministerium, jene Kreuzungen mit den meisten Unfällen zügig mit Schranken oder alternativer Absicherung nachzurüsten. Ein Termin im Ministerium ist laut Mietek für den 2. Oktober angesetzt.

Es ist schlimm, dass dafür erst ein Mensch zu Tode kommen musste.
- Leszek Mietek, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft, gegenüber Tok.fm

Die staatliche Bahngesellschaft PKP wollte die Verspätungen zunächst nicht offiziell der Protestaktion zurechnen. Wie t-online berichtet, prüft PKP jedoch rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen der Aktion. Die Gewerkschaft argumentiert, sie handle im Auftrag der Sicherheit: „Wir tun das, damit die Verantwortlichen für die Sicherheit auf der Schiene begreifen, dass es ein Problem gibt", sagte Mietek dem Sender. Am Nachmittag rollten die Fernzüge wieder mit regulärer Geschwindigkeit, die Verzögerungen aus dem Vormittag zogen sich aber bis in den Abend.

Reaktionen aus Warschau

Aus dem Infrastrukturministerium gab es zunächst keine öffentliche Stellungnahme zur Sicherheitsproblematik. Die Regierung in Warschau steht innenpolitisch unter Druck, nachdem die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen seit Jahren konstant hoch bleibt und Modernisierungsprogramme immer wieder verschoben wurden. Die Gewerkschaft hat angekündigt, im Fall ausbleibender Zusagen weitere Bummelaktionen nicht auszuschließen.