Mit dem 1. Juni hat international der Pride Month begonnen. In Deutschland wird die Saison so groß wie nie: Der Dachverband CSD Deutschland zählt für 2026 mehr als 240 Christopher-Street-Day-Paraden und Pride-Veranstaltungen, allein in Bayern sind es 42 - mehr als in jedem anderen Bundesland. Der erste größere Termin lief bereits am 30. Mai in Hof. Das Motto, das CSD Deutschland am 27. Mai vorgestellt hat, lautet „Auf die Straße! Sichtbar mit Stolz und Würde!“ und richtet sich nach Verbandsangaben ausdrücklich gegen Versuche, queere Menschen wieder unsichtbar zu machen.

Politisch ist der Pride Month 2026 der zweite, in dem das Selbstbestimmungsgesetz für trans, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen gilt. Der Lesben- und Schwulenverband LSVD+ bezeichnete das Gesetz in einer Bilanz als „wichtigen Meilenstein“, warnte aber, dass rechtliche Gleichstellung allein die gesellschaftliche Realität nicht ändere. Eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage hatte im Februar für 2025 vorläufig 1.132 Hassdelikte gegen die geschlechtliche Vielfalt und 1.776 gegen die sexuelle Orientierung gezählt. Beide Werte sind Höchststände seit Beginn der gesonderten Erfassung.

Bayern als Rekordhalter und Reibungspunkt

Dass ausgerechnet Bayern in diesem Jahr die meisten CSDs stellt, ist für den LSVD+ ein doppeltes Signal. Einerseits zeige der Rekord, wie stark die queere Community im Freistaat sichtbar werden wolle, sagte Vorstandsmitglied Markus Apel gegenüber dem Onlinemagazin Schwulissimo. Andererseits stehe diese Sichtbarkeit in deutlichem Kontrast zur Landespolitik. „Bayern verfügt bis heute über keinen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit“, kritisierte Apel. Die Staatsregierung habe bislang weder ein Antidiskriminierungsgesetz auf Landesebene noch ausreichende Mittel für queere Bildungs- und Präventionsarbeit bereitgestellt.

Die Zahlen aus dem Freistaat unterstreichen die Spannungslage. Das bayerische Innenministerium hatte für 2025 offiziell 180 queerfeindliche Straftaten registriert. Der LSVD+ schätzt, dass die tatsächliche Zahl wegen unterlassener Anzeigen deutlich höher liegt - hochgerechnet auf bis zu 1.800 Vorfälle, also rund fünf pro Tag. Bundesweit hat die Amadeu-Antonio-Stiftung dokumentiert, dass im Jahr 2025 rund 110 von 245 geplanten CSDs Ziel von Angriffen oder Störungen wurden, häufig durch organisierte rechtsextreme Gruppen.

Bayern verfügt bis heute über keinen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit.
- Markus Apel, LSVD+-Vorstand, gegenüber Schwulissimo

CSD Berlin Ende Juli, Sicherheitsfrage offen

Größter Termin der Saison bleibt der CSD Berlin, der in diesem Jahr erstmals an zwei Tagen stattfindet. Am Freitag, 24. Juli, ruft die Berlin Pride zu einer Kundgebung mit Reden und künstlerischen Beiträgen am Brandenburger Tor auf, am Samstag, 25. Juli, folgt die klassische Parade von der Leipziger Straße über Potsdamer Platz und Nollendorfplatz zurück zum Brandenburger Tor. Die Veranstalter rechnen mit rund einer Million Teilnehmenden. Das Motto „Haltung ist hot“ verweist auf die im Herbst anstehende Berliner Abgeordnetenhauswahl: Die Organisatoren rufen ausdrücklich dazu auf, demokratische Werte und gleiche Rechte queerer Menschen zu verteidigen.

Sicherheit ist dabei ein Dauerthema. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat queerfeindliche Hetze inzwischen als ein zentrales Mobilisierungsthema des Rechtsextremismus eingeordnet, das sich „über das Internet zunehmend in reale Protestaktionen“ verlängere. Auch die queerpolitische Beauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, hatte zum IDAHOBIT am 17. Mai vor steigenden Gewaltzahlen gewarnt. Für den Pride Month verlangen Verbände einen koordinierten Schutz der Aufzüge durch Bund, Länder und Kommunen sowie eine stärkere strafrechtliche Verfolgung von Übergriffen - eine Forderung, die zum Auftakt des Monats am 1. Juni unmittelbar mit dem Slogan „Auf die Straße!“ zusammenfällt.