Am kommenden Freitag jährt sich zum 38. Mal die schwerste zivile Katastrophe der deutschen Nachkriegsgeschichte. Am 28. August 1988 kollidierten drei Maschinen der italienischen Kunstflugstaffel Frecce Tricolori über der US-Air-Base Ramstein bei Kaiserslautern. 70 Menschen starben, rund 1.000 wurden verletzt. Am Gedenkstein neben der Zufahrt zur Air Base werden am Jahrestag wieder Hinterbliebene, Überlebende sowie Helferinnen und Helfer erwartet.

Vor mehr als 300.000 Zuschauern flogen die zehn Aermacchi MB-339 der Frecce Tricolori an diesem Sonntagnachmittag die Figur „Il Cardioide“ - das durchstoßene Herz. Um 15:44 Uhr verfehlte der Solopilot Ivo Nutarelli den Kreuzungspunkt: Er kam zu früh und zu tief an, streifte in rund 50 Metern Höhe die Formationsführer Mario Naldini und Giorgio Alessio. Alle drei Piloten starben. Eine der brennenden Maschinen rutschte in die Zuschauermenge, eine zweite traf einen in Notfallbereitschaft stehenden US-Hubschrauber, dessen Pilot Kim Jon Strader wenige Wochen später an seinen Verletzungen starb.

Die Rettung als zweite Katastrophe

Die medizinische Versorgung geriet zum eigenen Skandal. Die auf dem US-Militärgelände praktizierte „Load-and-Go“-Taktik sah vor, Verletzte ohne vorherige Sichtung schnell abzutransportieren; medizinisches Gerät der amerikanischen Sanitäter passte vielfach nicht zu den deutschen Krankenwagen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss in Rheinland-Pfalz stellte später fest, dass die Koordination zwischen deutschen und amerikanischen Kräften versagt hatte. Der Heidelberger Anästhesist Klaus-Peter Wresch, damals als erster ziviler Notarzt am Unglücksort im Einsatz, hält es bis heute für wahrscheinlich, dass die tatsächliche Zahl der Toten höher lag als die offiziellen 70.

Beim Aufstehen merkte ich, dass da etwas von meinen Armen, meinem Rücken und meinem Gesicht hing.
- Roland Fuchs, Überlebender, taz

Erst nach Ramstein entstanden in Deutschland flächendeckende Konzepte für die psychosoziale Notfallversorgung. Getragen wurde die Aufbauarbeit vor allem vom Ehepaar Sybille und Hartmut Jatzko sowie Heiner Seidlitz, die 1998 den Selbsthilfeverein für die Betroffenen gründeten. Ihre Gruppe war eine der ersten ihrer Art im deutschsprachigen Raum und veränderte die Arbeit mit Katastrophenopfern grundlegend - obwohl, wie Angehörige berichten, offizielle Stellen die Traumaarbeit zunächst behindert hatten.

Neuer Blick auf einen alten Fall

Der Fall hat in diesem Jahr eine ungewöhnlich breite Aufmerksamkeit gefunden. Ein im März 2026 veröffentlichter Videopodcast des Formats „Tatsache“ mit dem Moderator Felix Martin erreichte binnen einer Woche mehr als 320.000 Aufrufe; dort kommen der Überlebende Roland Fuchs, der Notarzt Klaus-Peter Wresch sowie der österreichische Autor Patrick Huber zu Wort. Huber hatte 2024 sein 380-seitiges Buch „Als der Tod vom Himmel stürzte“ in zweiter Auflage vorgelegt, mit 143 Fotografien und Aussagen von Augenzeugen, Militärpiloten und Sanitätskräften. Auch die Rheinpfalz-Redakteurin Rebecca Singer führt ihren mehrteiligen Podcast fort.

Nach dem Unglück hatte die Bundesregierung militärische Flugvorführungen im deutschen Luftraum zunächst untersagt; erst 1991 wurden sie unter strengen Auflagen wieder zugelassen. In Ramstein-Miesenbach zeigt die Dokumentationsstätte im Docu Center bis heute Fotografien, Berichte und persönliche Erinnerungsstücke der Betroffenen. Der Gedenkstein selbst wurde 1995 auf einem Grundstück errichtet, das die Mutter eines Opfers erworben und der Selbsthilfegruppe überlassen hatte.