Ratko Mladić ist tot. Der frühere Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee starb am Donnerstag im Alter von 84 Jahren in einem Haftkrankenhaus in Den Haag, wie der zuständige Internationale Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMCT) mitteilte. Der wegen Völkermords und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft Verurteilte hatte in den vergangenen Wochen mehrere Schlaganfälle erlitten. Vorsitzende Richterin Graciela Gatti Santana ordnete laut ZDFheute eine umfassende Untersuchung der Todesumstände an.
Für die Anklage steht Mladić wie kaum ein anderer Angeklagter des Jugoslawien-Tribunals für die schwersten Verbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Sein Name ist mit dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verbunden, bei dem Einheiten unter seinem Befehl mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen in der UN-Schutzzone ermordeten. Hinzu kommen die dreieinhalbjährige Belagerung von Sarajevo mit mehr als 11.000 Toten, systematische Vertreibungen, Lagerhaft und sexuelle Gewalt. 2017 verurteilte ihn das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien zu lebenslanger Haft, 2021 bestätigte die Berufungsinstanz das Urteil in letzter Instanz.
Reaktionen zwischen Trauer und Genugtuung
Die Reaktionen auf den Tod des 84-Jährigen fielen so gespalten aus wie das Land, in dem er seine Verbrechen beging. Der frühere Präsident der bosnisch-serbischen Teilrepublik, Milorad Dodik, sprach laut Al Jazeera von einem „Mord“ an Mladić und erklärte, er sei „vom serbischen Volk respektiert“ worden. In Serbien wird der ehemalige General bis heute in Wandmalereien und Statuen als Kriegsheld inszeniert; die Regierung von Präsident Aleksandar Vučić bestreitet weiterhin, dass in Srebrenica ein Völkermord stattgefunden hat, und spricht stattdessen von einem „Kriegsverbrechen“.
Bei den Angehörigen der Opfer überwog Nüchternheit. Kada Hotić, die 1995 in Srebrenica ihren Mann und ihren Sohn verlor, sagte gegenüber Al Jazeera, Mladić sei „in Schande gestorben, weil er so viele Menschen getötet hat“. Remir Suljagić, Leiter der Gedenkstätte Potočari-Srebrenica, mahnte, der Tod des Verurteilten „bringt die Toten nicht zurück und leert die Massengräber nicht“. Zeid Ra'ad al-Hussein, ehemaliger UN-Hochkommissar für Menschenrechte, hatte den Verurteilten schon 2017 als „Inbegriff des Bösen“ bezeichnet.
Er starb in Schande, weil er so viele Menschen getötet hat.
In den vergangenen Monaten hatte Mladićs Sohn Darko wiederholt versucht, seinen Vater in ein Militärkrankenhaus nach Belgrad verlegen zu lassen. Der Residualmechanismus lehnte den Antrag ab; einer vorzeitigen Haftentlassung stehe „nicht das Interesse der Gerechtigkeit“ entgegen, hieß es zuletzt Anfang August. Darko Mladić bezeichnete die Behandlung seines Vaters gegenüber dem Tagesspiegel als „stillen Mord“.
Mladić war 1942 im südbosnischen Kalinovik geboren worden und hatte in der jugoslawischen Volksarmee Karriere gemacht, bevor er 1992 die neu gegründete Armee der bosnischen Serben übernahm. Nach dem Krieg tauchte er 16 Jahre lang unter, ehe er im Mai 2011 in einem Dorf in der serbischen Vojvodina festgenommen und nach Den Haag ausgeliefert wurde. Im Prozess erkannte er das Gericht nicht an. „Ich erkenne dieses Gericht nicht an“, rief er 2014 in den Saal - ein Satz, den er bis zum Schluss nicht revidierte. Laut taz zeigte er „bis zuletzt keine Reue“ für seine Taten.