Der Rhein macht der deutschen Industrie im Hochsommer erneut zu schaffen. Der Pegel am Referenzpunkt Kaub im rheinland-pfälzischen Mittelrhein ist seit Mitte Juli tief in den kritischen Bereich abgesackt und pendelt seither um Werte, die die Binnenschifffahrt zwingen, mit stark reduzierter Ladung zu fahren. Thyssenkrupp Steel Europe hat die Rohstofflogistik nach Duisburg heruntergefahren, BASF und Shell verlegen Fracht auf Schiene, Straße und Pipeline. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde rechnet in den kommenden Wochen nicht mit einer nachhaltigen Entspannung.

Am Pegel Kaub gilt ein mittlerer Niedrigwasserstand von 65 Zentimetern als Vergleichsmarke. Am 15. Juli fiel die Anzeige auf 41 Zentimeter, wie das Fachmagazin top agrar unter Berufung auf die Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft berichtete - ein Absturz um mehr als 80 Zentimeter binnen elf Tagen. Seither hat sich der Pegel nur kurzzeitig erholt. Der historische Tiefstwert stammt aus dem Herbst 2018, als in Kaub am 22. Oktober nur noch 25 Zentimeter gemessen wurden. Von diesem Rekord ist die aktuelle Marke zwar entfernt, doch für Juli ist der Wert bereits jetzt außergewöhnlich niedrig, wie die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg für den vorgelagerten Pegel Maxau festhielt.

Für die Reeder heißt das konkret: Viele Frachter können nur noch mit rund einem Drittel ihrer üblichen Ladung fahren, um den nötigen Tiefgang zu halten. Lukas Kippel vom Duisburger Umschlagunternehmen RheinCargo bezifferte den Effekt gegenüber ZDFheute so, dass ein Schiff, das bei normalen Pegeln 3.000 Tonnen laden könne, aktuell nur noch 800 bis 900 Tonnen transportiere. Die Preise für Rheintransporte ziehen entsprechend an.

Duisburg drosselt, Chemie improvisiert

Am stärksten sichtbar ist die Belastung in Duisburg. Thyssenkrupp Steel Europe benötigt rund 50.000 Tonnen Rohstoffe pro Tag, vor allem Eisenerz und Kokskohle. Die konzerneigenen Schubverbände wurden bereits Mitte Juli aus dem Verkehr gezogen, weil sie mit ihrem hohen Tiefgang bei den aktuellen Wasserständen nicht mehr sicher operieren können. Der Konzern hat die Hochofenproduktion vorsorglich reduziert. Betont wird bislang, es handle sich um eine moderate Anpassung, die je nach Dauer der Trockenphase aber ausgeweitet werden könne.

Chemie- und Mineralölkonzerne wie BASF und Shell reagieren mit einem eingespielten Notfallmuster: Sie chartern spezielle Kleinwasserschiffe mit geringerem Tiefgang, aktivieren interne Task Forces und verlagern Volumen auf Bahn, Lkw und Pipeline. Die Ausweichrouten sind allerdings begrenzt, sobald mehrere Großverlader gleichzeitig umsteuern - die Kapazitäten an den Terminals sind schnell erschöpft.

Bezahlen müssen die Verlader den sogenannten Kleinwasserzuschlag, der von den Reedereien schon berechnet wird, sobald der Pegel Kaub unter 150 Zentimeter fällt. Er beträgt in einer ersten Stufe 35 Euro pro 20-Fuß- und 45 Euro pro 40-Fuß-Container und steigt mit sinkendem Pegel weiter an. Für Konzerne wie Thyssenkrupp oder BASF bedeutet das je nach Dauer der Trockenphase Mehrkosten in Millionenhöhe.

Für dieselbe Menge müssen mehr Schiffe fahren, gelegentlich entsteht so mehr Schiffsverkehr, obwohl jedes einzelne Schiff weniger transportiert.
- Thyssenkrupp Steel Europe, wallstreet-online.de

Die Prognose bleibt trocken

Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes rechnete zuletzt nach einer kurzen Wetterberuhigung mit einem leichten Anstieg um rund 30 Zentimeter, warnte aber, dass dies nur eine Momentaufnahme sei. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde erwartet in den kommenden Wochen keine strukturelle Entspannung, weil der Zufluss aus dem Oberrhein und dem Alpenraum ohne ausgiebige Niederschläge weiter zurückgeht. Am Pegel Köln fällt der Wasserstand nach Angaben der Stadtentwässerungsbetriebe ebenfalls langsam - für den Samstag wurden dort 91 Zentimeter Kölner Pegel prognostiziert.

Zu spüren bekommen es am Ende auch die Verbraucher. Höhere Logistikkosten für Chemikalien, Baustoffe, Futter- und Düngemittel sowie Treibstoffe schlagen zeitverzögert auf Endpreise durch, von der Zapfsäule bis zum Baumarkt. Der Ölmühlenbetreiber C. Thywissen etwa transportiert nach ZDF-Angaben 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr über den Rhein, rund 70 Prozent des Betriebs. „Die Versorgung läuft weiter, aber die Kosten steigen“, sagte Prokurist Timo Windhopf. Für die Bundesregierung ist die Wiederholung des Musters von 2018 und 2022 vor allem ein politisches Signal: Der wichtigste Wasserweg des Landes wird in immer kürzeren Abständen zum Nadelöhr.