Am 30. Todestag von Rio Reiser haben am Donnerstag frühere Weggefährten und Fans das Ehrengrab des Sängers auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg mit Blumen, Fotos und handschriftlichen Botschaften bedeckt. Der Frontmann von Ton Steine Scherben war am 20. August 1996 mit 46 Jahren an Kreislaufversagen in seinem Bauernhof in Fresenhagen in Nordfriesland gestorben. Am Vormittag sendete das ZDF die neue Dokumentation „König ohne Krone“.
Zu den Gästen der Gedenkfeier am Grab gehörten frühere Mitglieder von Ton Steine Scherben, jener 1970 in West-Berlin gegründeten Band, die Reiser 15 Jahre lang als Frontmann prägte. Bassist Kai Sichtermann würdigte den Sänger gegenüber dem ZDF nicht nur als musikalisches Talent, sondern vor allem als Dichter. Auch Schlagzeuger Wolfgang „Funky“ Götzner betonte, Text und Musik bildeten in Reisers Werk eine Einheit. Wie die Berliner Zeitung berichtete, war für den Nachmittag ein Gedenkkonzert an der Grabstätte angesetzt, bei dem auch Regisseur Andreas Dresen singen sollte.
Parallel zum Kirchhof-Termin lud das Rio-Reiser-Archiv in das Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld zu einem öffentlichen Gespräch über Musik und Überzeugung, über Protest und Pop, wie die Veranstalter auf berlin.de mitteilten. Für Freitag und Samstag sind zusätzlich moderierte Bootstouren durch die Hauptstadt angesetzt, auf denen ehemalige Bandkollegen aus der Scherben-Zeit erzählen und Musiker Reiser-Songs spielen. Beide Termine sind laut Tagesspiegel ausverkauft.
Vom Rauch-Haus-Song zum „König von Deutschland“
Reiser wurde 1950 als Ralph Christian Möbius in Berlin geboren. Mit Ton Steine Scherben lieferte er die Hymnen der westdeutschen Linken der siebziger Jahre: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für Niemand“, vor allem der „Rauch-Haus-Song“ wurde zum Soundtrack der Hausbesetzerszene und der frühen Kreuzberger Szene. 1985 löste sich die Band hoch verschuldet auf. Reisers Solokarriere ab 1986 brachte mit „König von Deutschland“ und „Junimond“ die kommerziell größten Erfolge - und wurde von einem Teil der alten Weggefährten als Ausverkauf gelesen, wie schlager.de in einem Rückblick anlässlich des Todestags nachzeichnet.
Er lebte offen als schwuler Mann in einer Zeit, in der das gesellschaftlich noch riskanter war als heute, engagierte sich in den achtziger Jahren zunächst für die Grünen und trat später der PDS bei. Politisch wandte er sich vehement gegen das Tempo der deutschen Einheit. Sein Nachlass liegt heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, seine Songtexte erscheinen bei Reclam. Der frühere Heinrichplatz in Kreuzberg trägt seit einigen Jahren offiziell seinen Namen.
„Erste-Hilfe-Kasten für seelische Schmerzen“
Dass Reiser drei Jahrzehnte nach seinem Tod wieder ganz oben in den deutschen Trending-Listen steht, hat auch damit zu tun, wie sein Werk weitergereicht wird. Sängerin Birte Volta sagte im ZDF, für junge Menschen böten Reisers Songs Halt und Orientierung - ein „Erste-Hilfe-Kasten für seelische Schmerzen“. In Berlin, so berichteten mehrere Redaktionen aus Schöneberg, lagen am Grab neben Rosen aus den Neunzigern auch handgeschriebene Zettel von Fans, die zum Zeitpunkt von Reisers Tod noch nicht geboren waren.