Cristiano Ronaldo hat das WM-Auftaktspiel überstanden, aber die Debatte über seinen Platz in Portugals Startelf hat erst begonnen. Nach dem 1:1 gegen die Demokratische Republik Kongo am Mittwochabend in Houston schlagen die Stimmen, die den 41-Jährigen schon vor dem Turnier nur noch als Joker sehen wollten, lauter und gezielter zu. Der prominenteste kam von Thierry Henry, der als TV-Experte für Fox die Partie analysierte und Ronaldo in seiner Bilanz frontal angriff.
„Die Mannschaft muss treffen, nicht du musst treffen“, sagte Henry mit Blick auf Szenen, in denen Ronaldo bevorzugt selbst abschloss oder Räume blockierte, in die andere hineinlaufen wollten. „Weil er ein Tor machen möchte, steht er Bruno Fernandes im Weg“, führte der Weltmeister von 1998 als konkretes Beispiel aus der zweiten Halbzeit an, wie t-online die Sequenz protokolliert. Henrys Vorwurf wiegt schwer, weil er nicht aus dem üblichen Ronaldo-Kritiker-Lager kommt.
Die Zahlen liefern ihm die Munition. Ronaldo blieb gegen Kongo ohne Schuss aufs Tor, ohne abgeschlossenes Dribbling, ohne Schlüsselpass. 25 Ballkontakte standen am Ende auf seinem Konto, zehn weniger als bei Lionel Mpasi-Nzau, dem Torwart der Kongolesen. Sein letzter Treffer bei einem großen Turnier liegt nun zehn Spiele und 802 Minuten zurück, ein Elfmeter gegen Ghana bei der WM 2022.
Vertrauen allein genügt nicht - erst recht nicht in den aktuellen Ronaldo.
Die portugiesische Presse setzt ähnliche Akzente. Die Tageszeitung Público schrieb am Donnerstag: „Das Team, dem es an Vertikalität mangelte, war seinem Vertrauen in Ronaldo ausgeliefert. Doch Vertrauen allein genügt nicht - erst recht nicht in den aktuellen Ronaldo.“ Das Wochenblatt Expresso brachte die Leistung des Kapitäns auf das Wort „wirkungslos“. Auch in Spanien zog Marca die Linie zur Vergangenheit: Die Last, Ronaldo „in guten wie in schlechten Zeiten“ aufzustellen, lähme die Mannschaft.
Martinez deckt seinen Kapitän
Roberto Martinez hatte schon auf der Pressekonferenz im Anschluss klargemacht, dass er keinen Anlass für eine Auswechslung sah. „Es hätte überhaupt keinen Sinn ergeben, Cristiano Ronaldo vom Platz zu nehmen. Wir waren auf der Suche nach einem Tor, und Ronaldo ist schliesslich der erfolgreichste Torschütze der Fussballgeschichte“, sagte der Trainer laut Blue News. Vor dem Turnier hatte Martinez sogar eine Tür zur WM 2030 offengelassen: „Daran sollte niemand zweifeln. Er hat es sich verdient“, zitierte ihn die ZDFheute zur Frage, ob Ronaldo mit 45 Jahren weiterspielen könne.
Im ZDF-Studio nahm der Weltmeister Christoph Kramer die andere Position ein. Diese portugiesische Mannschaft sei „so mit Weltklasse gespickt, dass er ihnen auch ein bisschen was nehmen kann“, sagte Kramer. Sein Kollege Christian Streich ergänzte, Portugals Defensive spiele „mit einem Mann weniger und das ist sehr schwer zu kompensieren“. Damit ist der Riss in der öffentlichen Bewertung Ronaldos nach 90 Minuten Turnierfußball größer als vor dem Anpfiff.
Ramos wartet, Usbekistan wartet
Die Alternative steht bereit. Goncalo Ramos, mit 24 Jahren Stürmer von Paris Saint-Germain, hatte 2022 den Druck schon einmal genommen, als Ronaldo gegen die Schweiz aus der Startelf flog und Portugal 6:1 gewann. Martinez ließ am Mittwoch offen, ob er den Personalwechsel in Erwägung zieht. Die nächste Probe steht am kommenden Dienstag an, wenn Portugal in Houston auf Usbekistan trifft. Verliert der Europameister von 2016 dort weitere Punkte, dürfte die Diskussion um den Kapitän nicht mehr nur von außen geführt werden.
Für Ronaldo selbst hängt an dieser WM mehr als nur eine Statistik. Bei seiner sechsten Endrunde sucht er den einzigen Titel, der seiner Sammlung noch fehlt. Die Stimmen aus Lissabon, London und Madrid zeichnen aber ein anderes Bild: das eines Spielers, der Portugal nicht mehr trägt, sondern bremst. Henrys Satz hallt deshalb nach, weil er das Dilemma in einem Halbsatz auf den Punkt bringt - und Martinez die Antwort darauf in den kommenden Tagen finden muss.