Das russische Außenministerium hat am Montag Diplomaten und Ausländer in Kiew aufgefordert, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen. Russland werde künftig sowohl „Entscheidungszentren als auch Kommandoposten“ in der Stadt ins Visier nehmen, hieß es in der Mitteilung. Wörtlich erklärte das Ministerium nach Berichten von ZDFheute und Tagesspiegel: „Wir warnen ausländische Bürger, einschließlich des Personals diplomatischer Missionen und internationaler Organisationen, die Stadt so bald wie möglich zu verlassen.“ Es ist die zweite Räumungsforderung dieser Art binnen rund zwei Wochen - eine erste Warnung war Anfang Mai im Vorfeld der russischen Siegesfeiern am 9. Mai ausgesprochen worden.
Moskau stellte die angekündigten Schläge als Vergeltung für einen mutmaßlichen ukrainischen Drohnenangriff auf ein Studentenwohnheim in der besetzten Stadt Starobilsk dar. Die dortige Besatzungsverwaltung sprach von mehr als 20 zivilen Toten. Der ukrainische Generalstab widersprach gegenüber dem Tagesspiegel: Ziel sei eine in Starobilsk stationierte Militäreinheit gewesen, kein ziviles Wohnheim. Außenminister Andrij Sybiha rief die westlichen Verbündeten dazu auf, sich der russischen Erpressung nicht zu beugen, wie t-online berichtet.
EU-Vertretung bleibt in Kiew
Die EU-Botschafterin in Kiew, Katarina Mathernova, wies die Aufforderung umgehend zurück. Die EU-Vertretung werde in der Stadt bleiben, sagte Mathernova nach Angaben des Tagesspiegels; Russland wolle mit der Warnung „Panik säen und die Ukraine isolieren“. Auch andere westliche Botschaften gaben keine Anweisungen zur Ausreise. Bereits Anfang Mai hatten die meisten Vertretungen Moskaus erste Räumungsaufforderung ignoriert.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) nannte den russischen Großangriff vom Wochenende auf X eine „weitere Eskalation“. Das Auswärtige Amt zitierte ihn mit den Worten: „Russlands Raketenterror ist schockierend. Der Einsatz einer Oreschnik ist eine weitere Eskalation.“ Wadephul kündigte an, die beim NATO-Außenministertreffen vereinbarten Vorschläge zur Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung konsequent weiterzuverfolgen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den Einsatz der Mittelstreckenrakete bereits am Sonntag als „rücksichtslose Eskalation“ verurteilt.
Russlands Raketenterror ist schockierend. Der Einsatz einer Oreschnik ist eine weitere Eskalation.
87 Verletzte, ARD-Studio beschädigt
Die russische Drohung folgt auf eine der schwersten Angriffswellen seit Monaten. In der Nacht zum Sonntag feuerte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 600 Drohnen und 90 Raketen auf die Ukraine, darunter erstmals seit Längerem eine Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik. In Kiew meldete Bürgermeister Vitali Klitschko nach Berichten von ZDFheute zwei Tote und bis zum Sonntagabend 81 Verletzte, der Tagesspiegel aktualisierte die Zahl am Montag auf 87 Verwundete, darunter drei Minderjährige. Rund 300 Gebäude wurden beschädigt, vom Außenministerium über Wohnhäuser bis zum Studio des ARD-Korrespondenten und dem Büro der Deutschen Welle, wie wir bereits am Sonntag berichteten.
Die Eskalation reiht sich in eine Serie russischer Großschläge ein, die seit Ablauf einer dreitägigen Waffenruhe Anfang Mai die Ukraine in fast wöchentlichem Rhythmus treffen. Die von Moskau angekündigten Folgeangriffe und die offene Drohung gegen ausländische Vertretungen markieren einen weiteren Schritt in der Konfrontation: Anders als bei früheren Räumungsaufforderungen zielt Moskau diesmal ausdrücklich auch auf zivile Steuerungsebenen der Hauptstadt, nicht nur auf militärische Infrastruktur. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hatte den Oreschnik-Einsatz vom Wochenende bereits als „unverantwortliches nukleares Säbelrasseln“ bezeichnet.