Papst Leo XIV. hat am Mittwochabend in Barcelona den Jesusturm der Sagrada Família geweiht und damit die unvollendete Basilika offiziell zur höchsten Kirche der Welt erklärt. Die Zeremonie fiel auf den 100. Todestag des Architekten Antoni Gaudí, der am 10. Juni 1926 in der katalanischen Hauptstadt nach einem Straßenbahnunfall gestorben war. Mit 172,5 Metern überragt der neue Mittelturm das Ulmer Münster (162 Meter), das den Titel der höchsten Kirche der Welt seit 1890 - also genau 135 Jahre lang - gehalten hatte.
An der Weihe nahmen nach Berichten von ZDFheute und der katholischen Wochenzeitung „Kirche+Leben“ König Felipe VI. und Königin Letizia teil, dazu Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. In seiner Predigt nannte Leo die Basilika ein „sichtbares Zeichen des unsichtbaren Gottes, zu dessen Ehre ihre Türme emporragen“. Sie sei „weit mehr als ein Denkmal; sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen“ - eine Formulierung, mit der der Papst die Tatsache umarmte, dass die Sagrada Família trotz der neuen Rekordhöhe noch immer eine Baustelle ist.
weit mehr als ein Denkmal; sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen
Das Kreuz an der Spitze kommt aus Bayern
Der deutsche Beitrag steht im Wortsinn ganz oben: Das 17 Meter hohe und 13,5 Meter breite Stahl-Glas-Kreuz auf der Turmspitze wurde nach Recherchen von „Kirche+Leben“ bei einem Stahlbauunternehmen im bayerischen Gundelfingen gefertigt, wiegt rund 100 Tonnen und soll ab 2027 für Besucherinnen und Besucher begehbar sein. Bereits am 20. Februar dieses Jahres hatten Bauarbeiter das Kreuz auf den Turm gesetzt, womit der Rohbau die Endhöhe erreichte. Die Weihe vom Mittwoch ist die liturgische Bestätigung dieser baulichen Etappe.
Die 172,5 Meter sind kein Zufall, sondern Gaudís Prinzip: Der nahe Berg Montjuïc misst 177 Meter, und Gaudí hatte verfügt, das Werk des Menschen dürfe das Werk Gottes nicht überragen. Damit löst die Sagrada Família das Ulmer Münster ab, ohne den höchsten Punkt Barcelonas zu beanspruchen - ein theologisch wie städtebaulich kalkulierter Höhepunkt.
„Noch zehn Jahre, wenn alles gutgeht“
Fertig ist die Basilika trotzdem nicht. Von den geplanten 18 Türmen stehen nach Angaben von ZDFheute erst neun, auch die monumentale Glorienfassade und die geplante Freitreppe vor dem Hauptportal fehlen. Wann die Sagrada Família vollendet sein wird, beziffert die Bauleitung vorsichtig: „In etwa zehn Jahren könnte es so weit sein. Wenn alles gutgeht“, sagte Xavier Martínez, Direktor der Sagrada-Família-Stiftung, gegenüber ZDFheute. An den Plänen für die Freitreppe entzündet sich Streit, weil dafür Wohnhäuser im Umfeld weichen müssten.
Gaudí, geboren 1852 im katalanischen Reus, hatte 1883 die Bauleitung übernommen und mehr als vier Jahrzehnte an der Basilika gearbeitet, als er am 7. Juni 1926 in Barcelona von einer Straßenbahn überfahren wurde; er starb drei Tage später. Für die Stadt, 2026 von der UNESCO zur Welthauptstadt der Architektur erklärt, ist das Gaudí-Centenarium der dominierende kulturelle Fixpunkt des Jahres. Im Vatikan läuft seit dem Jahr 2000 ein Seligsprechungsverfahren für den Baumeister - eine Verbindung, auf die der Papst am Mittwoch zumindest indirekt anspielte, als er die Basilika ein Zeichen der „Sehnsucht“ nannte.