Sechs Tage nach dem Ansturm zehntausender Migranten auf die spanische Exklave Ceuta hat Ministerpräsident Pedro Sánchez am Wochenende seinen dreiwöchigen Sommerurlaub angetreten. Der Sozialist landete am Samstag mit dem Regierungsflugzeug auf Lanzarote und bezog die Staatsvilla La Mareta in Costa Teguise, wie das Tagesspiegel und t-online berichten. Zurück in Madrid wird er erst am 24. August erwartet.
In Ceuta selbst hat die spanische Regierung die Lage inzwischen für stabilisiert erklärt. Nach offiziellen Zahlen aus dem Innenministerium sind rund 48.000 der bis zu 80.000 Ankömmlinge nach Marokko zurückgekehrt. Die Zahl der geborgenen Toten liegt nach nationalen Angaben bei 72, die Stadtverwaltung von Ceuta spricht von 88. Über das Wochenende zog die Guardia Civil weitere Leichen aus dem Wasser vor der Grenze bei Tarajal.
Politisch entzündet sich die Kritik am Zeitpunkt des Urlaubs. „Während Ceuta leidet, macht Sánchez Urlaub in La Mareta“, schrieb Carmen Fúnez, Vize-Generalsekretärin der konservativen Partido Popular (PP), am Wochenende auf X. Ihre Fraktionskollegin Cucu Gamarra nannte die Reise „eine Beleidigung für die Bewohner von Ceuta, mitten in der größten Migrationskrise, die die Stadt je erlebt hat“. Der Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo verlangte vom Regierungschef, sich der Verantwortung zu stellen: Man dürfe „nicht wegschauen, wir befinden uns in einer nationalen Sicherheitskrise“, zitiert ihn El Constitucional.
Sánchez wird seine Sommer-Playlist auf voller Lautstärke abspielen müssen, um die Realität nicht zu hören.
Sánchez selbst hatte Ceuta am vergangenen Freitag nur wenige Stunden besucht. Vor dem Rathaus wurde er nach Angaben spanischer Medien von rund vierzig Anwohnern mit Pfiffen und Rücktrittsforderungen empfangen. In seiner Erklärung sprach er von einem „Angriff, einer Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“ und machte Schleuserbanden für den Massenandrang verantwortlich. Dass die marokkanische Regierung die Grenze aus Verärgerung über Madrid geöffnet oder toleriert haben könnte, wollte er nicht bestätigen.
Parlament ohne Vertrauen, Regierung ohne Rückzug
Der Zeitpunkt trifft Sánchez in einer bereits fragilen Lage. Ende Juni hatte der Kongress mit 178 gegen 171 Stimmen eine Initiative angenommen, die den Ministerpräsidenten aufforderte, die Vertrauensfrage zu stellen oder Neuwahlen auszurufen. Getragen wurde der Antrag von PP, Vox und überraschend auch von der katalanischen Junts, deren Stimmen Sánchez 2023 die Wiederwahl gesichert hatten. Rechtlich bindend ist der Beschluss nicht - in Spanien kann eine Vertrauensfrage nicht vom Parlament erzwungen werden -, aber politisch signalisiert er, dass Sánchez keine absolute Mehrheit mehr hinter sich hat.
Der Ministerpräsident lehnt beides ab. Er wolle die Legislaturperiode regulär bis 2027 zu Ende bringen, teilte die Moncloa mit. In der PSOE-Fraktion quittierten Abgeordnete das Votum im Juni nach Berichten aus Madrid mit Applaus, was die Empörung der Opposition zusätzlich anheizte. Feijóo argumentiert seither, Sánchez regiere „gegen die absolute Mehrheit desselben Parlaments, das ihm einst das Vertrauen ausgesprochen hat“.
Auch international hat Ceuta die Isolation des Regierungschefs verschärft. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte in der vergangenen Woche das Schengen-Abkommen mit Spanien vorübergehend ausgesetzt, US-Präsident Donald Trump bezeichnete Spanien nach einem Bericht des Tagesspiegel als „hoffnungslosen Fall“ und „schrecklichen Partner“. Der Bürgermeister der Nachbarstadt Toledo, Carlos Velázquez von der PP, kritisierte, dass Sánchez sich einen Tag nach „einer der größten Krisen, die Spanien in den letzten 25 oder 30 Jahren erlebt hat“, auf Instagram mit Song-Empfehlungen für den Urlaub präsentiere.
Die Staatsvilla La Mareta, in der Sánchez jetzt residiert, war einst ein Geschenk des jordanischen Königs Hussein an König Juan Carlos I. und wird seit den 1990er-Jahren als offizielle Sommerresidenz genutzt. Nach Bildern spanischer Sender liegt vor der Küste ein Küstenwachboot; Zugangswege wurden abgesperrt. Ob Sánchez den Urlaub angesichts des politischen Drucks abkürzt, ließ die Moncloa am Dienstag offen.