Zwei Tage vor dem Anstoß in Foxborough hatte Roque Santa Cruz in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieben, wie sein Heimatland Paraguay Deutschland aus dem Turnier kippen könnte. „Man muss das Spiel körperlich intensiv gestalten und Deutschland dazu zwingen, viel zu arbeiten“, sagte der 44-Jährige. „Und ich hoffe auf hohe Temperaturen. Das käme uns entgegen.“ Am Montagabend lief es im Gillette Stadium fast genauso ab, wie Santa Cruz es skizziert hatte - bis zum 5:6 im Elfmeterschießen und dem deutschen WM-Aus.
Die Empfehlung des langjährigen Bayern-Stürmers war keine Plattitüde. Santa Cruz, mit 112 Länderspielen und über 30 Toren paraguayischer Rekordtorschütze, kennt die DFB-Elf aus eigener Erfahrung. Bei der WM 2002 in Südkorea hatte Oliver Neuville in der 88. Minute zum 1:0 für Deutschland getroffen und Paraguay im Achtelfinale aus dem Turnier geschossen. Acht Jahre später, 2010 in Südafrika, war Santa Cruz mit Lucas Barrios und Nelson Valdéz bis ins Viertelfinale vorgedrungen - der bislang größte WM-Erfolg seines Landes. Dass ausgerechnet er in diesen Tagen zum Erklärer der paraguayischen Hoffnung wurde, hat einen Grund: Niemand außerhalb der aktuellen Auswahl verkörpert beides - die Geschichte gegen Deutschland und das Vertrauen in den eigenen Stil - so deutlich wie er.
Man muss das Spiel körperlich intensiv gestalten und Deutschland dazu zwingen, viel zu arbeiten. Und ich hoffe auf hohe Temperaturen.
Acht Jahre an der Säbener Straße
Santa Cruz war zwischen 1999 und 2007 beim FC Bayern unter Vertrag, in 155 Bundesligaspielen erzielte er 31 Tore. Mit den Münchnern gewann er fünf deutsche Meisterschaften, vier DFB-Pokale und 2001 die Champions League. Die Bonusspur, die ihn in München populär machte, lieferten die Sportfreunde Stiller: Ihr Song „Ich, Roque“ aus dem Jahr 2004 spielt bis heute in den Bayern-Spieltagsplaylists. Nach Stationen bei Blackburn Rovers, Manchester City und in Spanien kehrte er nach Paraguay zurück; im Januar 2026 wechselte er zu Club Nacional Asunción - mit Vertrag bis Jahresende. Im Mai 2025 erreichte er die Marke von 1.000 Profispielen. Sein eigentlich für 2016 geplantes Karriereende hat er immer wieder verschoben.
Vor dem Anpfiff in Foxborough hatte Santa Cruz auch die Schwachpunkte der Mannschaft von Julian Nagelsmann benannt. Deutschland habe „viel Qualität im Kader“, erklärte er gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, aber „mit Ballbesitz müssen sie Geduld haben, weil Spiele gegen Paraguay normalerweise nicht schön sind.“ Genau dieses Muster trat ein. Paraguay verteidigte tief und kompakt, ging durch einen Kopfball von Julio Enciso in Führung, ließ Kai Havertz erst nach einer Stunde zum Ausgleich kommen und brachte die Partie in die Verlängerung. Dort wurde Jonathan Tahs Kopfballtreffer nach VAR-Überprüfung wegen eines vermeintlichen Stoßes an Torhüter Orlando Gill zurückgenommen. Im Elfmeterschießen parierte Gill die Versuche von Havertz und Nick Woltemade; Tah schoss den letzten deutschen Strafstoß über die Latte.
30.000 in Asunción auf der Straße
In Asunción versammelten sich nach dem Schlusspfiff laut „Última Hora“ rund 30.000 Menschen spontan im Stadtzentrum, die paraguayische Tageszeitung „ABC Color“ sprach von „heroischen Momenten“ und stellte fest, das Land stehe nun sportlich auf Augenhöhe mit dem viermaligen Weltmeister. Santa Cruz hatte vor dem Spiel noch davon gesprochen, sein Heimatland träume „von einem Tag wie 2010“. Es wurde am Ende ein anderer Tag - aber einer, der für den paraguayischen Fußball wahrscheinlich noch länger zählen wird als das Viertelfinale von Südafrika. In der nächsten Runde trifft Paraguay auf den Sieger des Spiels Marokko gegen Senegal.